60 Jahre Bodelschwingh-Haus

Von außen ist das Bodelschwingh-Haus eher unscheinbar: sechs Stockwerke, gelber Putz. Im Trubel des Bahnhofsviertels geht die Unterkunft für haftentlassene und wohnungslose Männer unter. Im Juli 1962 wurde das Bodelschwingh-Haus eröffnet.

„In den vergangenen 60 Jahren haben wir vielen Menschen wieder auf den Weg geholfen, nachdem vieles in ihrem Leben schiefgelaufen ist. Darum ist das Jubiläum des Bodelschwingh-Hauses ein Grund zu feiern. Wir dürfen nicht vor sozialen Problemen kapitulieren, sondern müssen Antworten finden. Das Bodelschwingh-Haus ist seit 60 Jahren so eine Antwort“, sagt Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, einem Unternehmen der Diakonie München und Oberbayern.

35 Männer leben hier in Einzelzimmern, verteilt auf die fünf oberen Etagen. Sie teilen sich Küche, Gruppenraum, Toiletten und die Duschen. Der jüngste Bewohner ist derzeit 23 Jahre alt, der älteste über 70.

Von der Gesellschaft manchmal argwöhnisch betrachtet

Einige von ihnen haben auf der Straße gelebt oder waren in Notunterkünften untergebracht, aber die meisten wurden gerade aus der Haft entlassen. „Die Bewohner waren wegen unterschiedlichster Delikte inhaftiert. Dazu zählen zum Beispiel Schwarzfahren, aber auch schwere Körperverletzung, eine Sexualstraftat oder auch Mord“, erklärt Sebastian Stockmeier, der das Bodelschwingh-Haus gemeinsam mit Laura Schurkus leitet.

„Wir schauen uns jeden Einzelfall an und entscheiden dann, ob es passt und wir den Mann bei uns aufnehmen können“, erklärt sie. „Grundsätzlich wollen wir allen eine Chance geben.“ Die beiden wissen: Danach kommt oft nicht mehr viel, was diese Menschen auffängt.

„Nach der Haft ist es nicht leicht für straffällig gewordene Menschen wieder in ein normales Leben zu finden. Als Diakonie begleiten wir diesen Schritt, der von der Gesellschaft manchmal auch argwöhnisch betrachtet wird. Wir bieten einen sicheren Ort und Bausteine für die persönliche Zukunft. Das Bodelschwingh-Haus blickt nun auf viele Jahre erfolgreiche soziale Arbeit auch in schwierigen Zeiten zurück. Ich danke allen Mitarbeiter*innen für ihr Engagement für Menschen, die es ganz besonders brauchen“, betont Thorsten Nolting, Vorstandssprecher der Diakonie München und Oberbayern.

Therapiemöglichkeiten

Eine Gruppe, die anders als in vielen anderen Einrichtungen der Strafentlassenenhilfe, auch im Bodelschwingh-Haus unterkommt, sind Sexualstraftäter. „Wir haben schon immer darauf hingewiesen, dass gerade für diese Menschen bei ihrer Entlassung ein Therapieangebot zur Verfügung stehen sollte - gerade aus der Perspektive des präventiven Opferschutzes.“ Doch gerade hier gab es lange so gut wie keine Therapiemöglichkeiten, so Gordon Bürk. 2008 griff das Bayerische Justizministerium diesen Gedanken auf und baute gemeinsam mit dem Evangelischen Hilfswerk die Fachambulanz für Sexualstraftäter in München auf – die erste ihrer Art in Bayern. Sie ist, wie Gordon Bürk sagt, „ein Stück weit aus der Arbeit des Bodelschwingh-Hauses hervorgegangen“.

Gründung vor 60 Jahren

Das Bodelschwingh-Haus öffnete seine Türen im Juli 1962. Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer – kamen hier Jugendliche und junge Erwachsene aus der DDR unter. Neben Übernachtung und Frühstück erhielten sie hier auch ein Abend- oder Mittagessen. Alkohol war damals komplett verboten. Geleitet wurde das Haus von einem Pastorenehepaar, das als „Heimeltern“ auch selbst im Bodelschwingh-Haus lebte. Schon früh bildete sich ein Schwerpunkt in der Arbeit mit haftentlassenen Menschen heraus.

Offene Türen

Heute arbeitet auf jedem Flur ein Sozialpädagoge oder eine Sozialpädagogin mit den Klienten.

Die Türen zu den Büros stehen in der Regel immer offen. Eine geschlossene Tür, an der man klopfen muss – für viele Bewohner wäre das eine unüberbrückbare Hemmschwelle. Es ist ein junges, engagiertes Team, das hier gemeinsam arbeitet, offen und unvoreingenommen, das aber auch nichts beschönigt.

„Uns ist es wichtig, dass wir uns auf unsere besondere Klientel mit ihrer Lebenswelt einlassen. Dafür braucht es Ausdauer und Geduld und manchmal auch unkonventionelle Wege“, sagt Laura Schurkus. Sie und ihre Kolleg*innen sind oft die Ersten, die den Männern auf Augenhöhe entgegenkommen.

Zwei Jahre können die Männer im Bodelschwingh-Haus bleiben. So sieht es die Vereinbarung mit dem Kostenträger vor. Bei den Biografien, die viele hier mitbringen, ist das keine lange Zeit. Es reiche nämlich nicht einfach, ein Zimmer zu wollen, wichtig sei auch an sich und seinen Themen zu arbeiten, so Sebastian Stockmeier. „Die Bereitschaft bringt nicht jeder gleich mit. Unsere Aufgabe ist es zu motivieren. Wir gehen den Männern manchmal auch bewusst „auf die Nerven.“ Das gehört hier schon dazu“, erklärt der Pädagoge. Für Männer, die mehr Zeit brauchen, um an ihrer Situation zu arbeiten, gibt es in München inzwischen aber auch zwei Außenwohngruppen.

Auch wenn die Ausgangsbedingungen schwierig sind, gelingt es vielen Bewohnern an sich zu arbeiten und einen Neustart zu wagen. Und die Geschichte geht weiter. Gerade arbeiten Laura Schurkus, Sebastian Stockmeier und das Team des Hauses an einer Neukonzeption des Bodelschwingh-Hauses. Wenn alles klappt, kann ab 2023 umgebaut werden.

Foto und Text: Christine Richter

Foto: Das Leitungstandem des Bodelschwingh-Hauses Sebastian Stockmeier und Laura Schurkus


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