Wohnen ist ein Menschenrecht

Wenn man das Zimmer von Jutta Erlenbach* betritt, würde man zuerst nicht auf die Idee kommen, dass hier jemand ein Zuhause gefunden hat. Die Jogginghose auf dem Bett ist der einzige persönliche Gegenstand, der zu sehen ist – bis auf das Bett, einen Schrank, einen grünen Sessel und einen kleinen Fernseher auf einem Tischchen ist das Zimmer leer, die Wände sind kahl. Auch die kleine Küchenecke sieht unbenutzt aus. Und doch wohnt die 65-Jährige schon seit mehr als vier Jahren im Lieberweg 22 in Milbertshofen-Am Hart und sagt: „Ich bin froh, dass ich hier bin.“

Seit Dezember 2011 bieten die „Lebensplätze für Frauen“ genau das: Einen Platz zum Leben für 25 ältere ehemals wohnungslose Frauen. Diese Frauen fielen vorher gewissermaßen durch das Raster aller Betreuungseinrichtungen, erklärt Leiterin Verena Graf. Das Hilfesystem für jüngere obdachlose Frauen ist in München sehr gut ausgebaut, weiß sie. „Aber da geht es vor allem um die Wiedereingliederung in den Arbeits- und Wohnungsmarkt – und die Unterbringungsplätze sind alle befristet.“
 
Gerade ältere Frauen, die schon lange obdachlos sind, haben jedoch schon so viel Schlimmes erlebt und leiden meist unter psychischen und körperlichen Erkrankungen, so dass eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt oder den normalen Wohnungsmarkt kaum möglich ist. Andererseits gestehen viele dieser Frauen sich nicht ein, dass sie Hilfe brauchen und wollen sich auch nicht beraten lassen.
 
Und genau hier liegt das Problem. „Der Wohnraum ist normalerweise gekoppelt an eine Mitwirkungspflicht der Frauen“, erläutert Graf. Eine obdachlose Frau bekommt also nur einen Unterbringungsplatz, wenn sie bereit ist, daran mitzuwirken, ihre Lage zu verbessern. Tut sie das nicht oder verstößt sie mehrfach gegen bestimmte Regeln, ist irgendwann auch der Wohnraum wieder weg. „Das Besondere am Konzept der Lebensplätze ist deshalb, das Wohnen von der Beratung zu trennen. Wir sehen Wohnen als Menschenrecht an – und erst danach schauen wir, wie wir die Frauen motivieren können, unsere Beratungsangebote anzunehmen.“
 
80 Bewerbungen gab es vor dem Start im Dezember 2011, eine Kommission aus Mitarbeitenden verschiedener Einrichtungen wählte 25 Frauen aus. Jede hat ein Ein-Zimmer-Appartement mit eigener Küche und eigenem Bad – und einen regulären Mietvertrag auf ihren Namen. In der Regel wird die Miete vom Sozialbürgerhaus bezahlt, da viele Frauen Grundsicherung beziehen, andere haben eine kleine Rente.
Auch Jutta Erlenbach war bei diesen ersten 25 Frauen dabei – zwei Tage vor Heiligabend 2011 zog sie ein: „Wie ich die Bude hier gesehen habe, war ich schon froh“, sagt sie. Vorher hatte sie in verschiedenen Münchner Notunterkünften und Pensionen gelebt. Von ihrem Mann hat sie sich scheiden lassen, nachdem er sie jahrelang aufs Übelste misshandelt hatte. Es folgten viele andere Männer, „doch das ging immer schief“. Fünfmal war sie im Gefängnis. Nun kommt ihr kein Mann mehr ins Haus. Aber mit den anderen Frauen im Lieberweg versteht sie sich gut. „Man kann hier reden und hat Spaß. Und mit den Mitarbeiterinnen komm ich auch gut klar.“
 
Sieben Leute arbeiten hauptamtlich bei den Lebensplätzen – manche in Teilzeit: Neben Leiterin Graf noch zwei Sozialpädagoginnen, eine Krankenschwester zur Gesundheitsfürsorge, eine Verwaltungsangestellte, eine Hauswirtschafterin und ein Hausmeister. „Jeder kann und soll Ansprechpartner sein“, erklärt Graf. Das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen. Das ist offenbar gelungen.
 
Imke Plesch
*Name von der Redaktion geändert


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