Wir stehen vor einer Riesenwelle

„Wir erleben in der Corona-Krise keine Solidarisierung mit den Ärmsten der Armen“, stellt Eva Richter fest. Die Juristin leitet die Schuldnerberatung des Evangelischen Hilfswerks München. Im Vergleich zum Vorjahr beobachtet sie einen Anstieg der Hilfesuchenden. „Wir stehen vor einer Riesenwelle, die gerade erst losrollt“, sagt sie.

Die Corona-Krise verschärft die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Kurzarbeit beschert vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zum Teil massive Einkommensverluste, insbesondere, wenn sie ohnehin prekär beschäftigt sind oder ein niedriges Einkommen haben. Vor der Pandemie ließen Gläubiger mit sich reden. Inzwischen stoßen die Schuldnerberaterinnen bei Banken, Kaufhäusern oder Inkassobüros, ebenso wie ihre Klienten, auf Mauern. Vermutlich, weil diese Institutionen aufgrund der schlechteren Wirtschaftslage generell mehr Kreditausfälle befürchten.

Und Corona verändert noch viel mehr: Wer verschuldet ist, steht fast immer vor verschlossenen Türen, wird auf Distanz gehalten. Der Kontakt wird digitalisiert und anonymisiert. Wie soll aber jemand, der völlig verunsichert, hilflos, gestresst und vor allem nicht versiert ist, im Internet sein Anliegen bei Behörden digital oder telefonisch erledigen, weil es wegen der Ansteckungsgefahr keine Beratungstermine gibt? Zudem kann es Monate dauern, bis man nach dem Jobverlust an Geld kommt, das einem zusteht. Deshalb sprechen immer öfter bei der Schuldnerberatung Menschen vor, die keinen Cent mehr haben – und oft seit Tagen nichts gegessen. Diese Ausnahmesituation geht häufig mit dem Verlust der seelischen Balance einher. „Alles, was diese Menschen schon vor Corona belastete, verstärkt sich massiv“, stellt Eva Richter fest. Sie spricht von einem wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kontrollverlust, der krankmacht, Angststörungen und Aggressivität nach sich zieht.

Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, sagt Eva Richter, dann Fairness mit den Ratsuchenden und Solidarität der Gläubiger mit den Schuldnern. Ihr geht es darum, sich in die Lage anderer zu versetzen. Das würde angesichts vieler Verlierer, die Corona noch mit sich bringe, neue Perspektiven eröffnen – und Hoffnung.

Gerhard Eisenkolb


zurück