Und ewig lockt das Geld

Bei der Beratungsstelle Marikas für anschaffende Jugendliche und junge Männer in München gibt es ein neues Arbeitsfeld, das auf die Situation jugendlicher Flüchtlinge zugeschnitten ist. Das Team setzt auf Prävention. Ziel ist es, Prostitution und sexuelle Gewalt sowie HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen bei geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu vermeiden. Ende des vergangenen Jahres hat der Stadtrat die Regelfinanzierung des Projekts beschlossen, das bereits gute Erfolge vorweisen kann.

Die Fachberatungsstelle Marikas des Evangelischen Hilfswerks befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Prostitution. Aktuell ist dabei die Situation geflüchteter Jugendlicher immer stärker in den Fokus gerückt. Denn aus ihrer täglichen Arbeit wissen die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle, dass Jugendliche beiderlei Geschlechts häufig von Männern angesprochen und mehr oder weniger direkt Prostitutionsangebote bekommen.

Die Gründe, warum junge Menschen sich auf solche Angebote einlassen, seien unterschiedlich, weiß Michaela Fröhlich, die Leiterin der Einrichtung. Unwissenheit und Unsicherheit spielten oft eine Rolle, aber auch Neugier und die Verlockung des Geldes. Besonders geflüchtete Jugendliche würden von derartigen Angeboten unvorbereitet überrascht und könnten nicht angemessen reagieren, erklärt Fröhlich. „Viele können derartige Situationen nicht einschätzen.“ So komme es zu ersten Prostitutionserfahrungen. „Nicht selten ist das der Anfang einer dauerhaften Prostitutionstätigkeit.

Die schwierige Lebenssituation Geflüchteter spiele dabei eine entscheidende Rolle, so die Einrichtungsleiterin: „Der Aufenthalt in einem fremden Land nach möglicherweise traumatisierenden Fluchterfahrungen macht sie besonders anfällig für offene oder versteckte Angebote.“ Dazu kommen Sprachprobleme, ein unsicherer Aufenthaltsstatus, fehlende soziale Kontakte, Geldmangel sowie Probleme mit der provisorischen Unterbringung. „Oft fehlt einfach die komplette Tagesstruktur“, sagt Fröhlich.

Geflüchtete Jugendliche sind im Hinblick auf sexualisierte Gewalt und gesundheitliche Risiken eine besonders vulnerable Gruppe. Genau dort setzt die „Präventionsarbeit zur Vermeidung von Prostitution und sexueller Gewalt sowie HIV und anderen sexuell übertragbaren Infekten (STI) bei jugendlichen Flüchtlingen“ an.

„Vor zwei Jahren kam das Stadtjugendamt auf uns zu“, erzählt Fröhlich. Es ging vor allem um die Situation rund um den Münchner Hauptbahnhof und die dortige Prostitutionsszene. Das war der Startschuss für das neue Arbeitsfeld – zunächst mit 20 Stunden pro Woche. Die Sozialpädagogin Silvia Rupp nahm zusammen mit anderen Mitarbeiterinnen von Marikas die Lage vor Ort unter die Lupe. Seitdem ist sie mit ihrem Wissen auch bei anderen Einrichtungen gefragt. „Der Beratungsbedarf zum Thema Flucht und Sexarbeit ist groß. Und es gibt zu wenig Fachpersonal“, sagt sie.

Ein Jahr später legte Rupp die Ergebnisse vor: Die rund um den Hauptbahnhof angetroffenen Flüchtlinge stammen aus Ländern wie Afghanistan, Syrien, Somalia und Eritrea. Regelmäßig versuchen Männer, Kontakte zu männlichen Geflüchteten herzustellen.

Alles in allem ein großer Problemkreis. „Wir betrachten mit Sorge, dass die Frustration durch das lange Asylverfahren und die schwierige Unterkunft gerade unter jungen Volljährigen zunimmt“, berichtet Silvia Rupp. Eine Folge sei selbstschädigendes Verhalten wie Alkohol- und Drogenkonsum.

„Die erschwerte Lage der Jugendlichen ist durchaus als Katalysator zu sehen, Prostitutionsangeboten nachzugehen“, berichtet die Sozialpädagogin. Umso wichtiger ist es für das Marikas-Team, Kontakte herzustellen. „Als sinnvolle Ergänzung zur Streetwork halten wir Gruppenberatung und -angebote direkt in den Unterkünften für notwendig“, ergänzt Michaela Fröhlich. Dafür brauche man Dolmetscher, die die Muttersprache der Jugendlichen beherrschen. „Die Aufklärung und Information, wie schnell man in die Prostitution geraten kann, ist ein wesentliches Element für unsere Präventionsarbeit.“

Dass der Stadtrat die 20 Fachstunden auf 36 aufgestockt hat, freut das Team sehr: „Es ist auch eine Wertschätzung unserer Arbeit. Wir haben einen diakonischen Auftrag, und den nehmen wir sehr ernst. Das Projekt komme bei geflüchteten Jugendlichen gut an. Sie reagierten sehr positiv und interessiert auf das niedrigschwellige Beratungsangebot. „Sie kommen inzwischen auch selbst auf uns zu. Zum einen, weil sie uns wiedererkennen, zum anderen, weil sie merken, dass sie uns um Hilfe bitten können“, erzählt Silvia Rupp.

Künftig wollen sie und ihr Team nicht nur am Hauptbahnhof, sondern auch an anderen Orten Jugendliche über die Risiken der Prostitution informieren. Unterstützung sei dabei willkommen, sagt Fröhlich: „Wir suchen derzeit noch nach ehrenamtlichen Helfern, die zum Beispiel Tigrinya oder Ara- bisch sprechen.“

Brigitta Wenninger


zurück