16.06.2016 - Netzwerken für eine menschliche Stadt

Dieses Netz ist im richtigen Leben meist unsichtbar; jetzt wird es sichtbar: Handgeknüpft und bunt, mal dicht, mal mit größeren Löchern – aber immer gehalten und nie am Boden. Entstanden ist es während des Jubiläumsgottesdienstes in der Markuskirche binnen weniger Minuten und es steht symbolisch für das soziale Netz, das die drei Einrichtungen des Evangelischen Hilfswerks (EHW) seit fünf, 20 und 50 Jahren beharrlich knüpfen. Ein Netz, das speziell Frauen in schwierigen Lebenslagen gezielte Unterstützung und vielfältige Hilfe bietet.

 
Seit 50 Jahren hat beispielsweise der Evangelische Beratungsdienst seine breitgefächerte Hilfepalette aufgebaut, deren einzelne Angebote ineinander greifen und flexibel auf die jeweilige Notlage reagieren: Dezentrales Stationäres Wohnen, Fachberatungsstelle „Wohnen und Existenzsicherung“, Fachstelle zur Vermittlung von Müttern in gemeinnützige Arbeit, Integrationshilfen, Straffälligenhilfe, Wohngemeinschaften und Wohnheim. Allesamt Einrichtungen für Frauen, die in ihrem Leben zumeist schlechtere Startchancen hatten: Weil ihre Eltern süchtig oder psychisch krank – oder schlichtweg gar nicht vorhanden waren. Deren Lebensläufe geprägt sind von Vernachlässigung, Beziehungsabbrüchen, Gewalterfahrungen und Missbrauch. Lebensläufe von Frauen, die sich ihrem Leben trotzdem stellen, weil sie überleben wollen und versuchen, ihm ihre Chance abzuringen.
 
Oder das Frauenobdach KARLA 51, das seinen zwanzigsten Geburtstag feiert. In der Einrichtung in der Karlstraße gibt es 40 Einzelzimmer, in denen Frauen – auch mit Kindern – rund um die Uhr einen geschützten Raum finden, beraten und unterstützt werden, bis sie wieder „etwas Boden unter den Füßen“ haben und in eine weiterführende Einrichtung umziehen können. Sofern es denn freie Plätze gibt. 
 
Jüngstes Geburtstagskind: Die Lebensplätze, ein niedrigschwelliges Wohnangebot für ehemals obdachlose Frauen im Münchner Norden. 25 Bewohnerinnen leben in dem neuerrichteten Haus am Lieberweg, haben einen eigenen Mietvertrag – und können die Hilfeangebote des Sozialpädagoginnenteams nutzen oder auch nicht. Ganz wie sie wollen oder können. Es gibt zahlreiche „Gelegenheitsstrukturen“, wo Begegnungen zwanglos erfolgen und die den Frauen helfen, hier langsam Wurzeln zu schlagen.
 
Immer wieder geht es also ums Wohnen. In einer Stadt, in der Wohnungen notorisch knapp sind und Mietpreise exorbitant hoch, trifft das vor allem diejenigen am härtesten, die irgendwie aus der Bahn geflogen sind. Stadtdekanin Barbara Kittelberger sagte denn auch in ihrer Predigt: „Eine Bleibe zu haben, ist ein Segen. Ein Dach über dem Kopf fühlt sich wunderbar an.“ Es sei deshalb auch ein Segen, dass es die drei EHW-Einrichtungen schon seit Jahren „als zuverlässige Anlaufstellen“ gibt. Hier könnten Frauen spüren, dass sie nicht alleine sind; hier begebe man sich gemeinsam auf die Suche nach „Lösungen, die tragen und halten“.
 
Und wörtlich: „Offene Ohren, die zuhören, machen das Reden auch leichter.“ Die Mitarbeiterinnen seien für ihre Klientinnen manchmal so etwas wie „gute Engel“, so Kittelberger. Fürsorge erfolge „nicht von oben nach unten“, sondern werde miteinander auf gleicher Ebene gestaltet. Dennoch gestalteten sich Beratungsprozesse gelegentlich auch schwierig oder werden trotz vieler Bemühungen abgebrochen: „Das Leben ist kein Paradies.“
 
An die vielfältigen Verdienste der drei Einrichtungen erinnerten auch die Festredner beim anschließenden Empfang im Alten Rathaus. Rund 350 Gäste waren gekommen – dem Anlass entsprechend mehrheitlich Frauen. Bürgermeisterin Christine Strobl überbrachte die Grüße der Stadt und erinnerte an die ideelle – und finanzielle – Unterstützung der Kommune: „Dieses Geld, das wir hier investieren, ist sehr gut angelegtes Geld.“ Das Thema „Frauen in Notsituationen“ werde leider noch länger aktuell bleiben, mutmaßte sie. Die Stadt sehe sich hier in der Pflicht, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Strobl wörtlich: „Eine Stadt ist nur dann eine menschliche Stadt, wenn auch Menschen in ihr leben können, die irgendwie aus der Bahn geworfen wurden.“
 
Helmut Roth, Leiter des Referats für Sozialplanung beim Bezirk Oberbayern, erklärte in Vertretung von Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Wohnungslosigkeit sei mittlerweile in ganz Bayern ein Thema: „Männer sind auffälliger, wohnungslose Frauen fallen nicht so auf.“ Gerade deshalb bräuchten sie mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung. Frauenspezifische Anfragen des EHW verstehe der Bezirk nicht als Nörgelei – ganz im Gegenteil: „Sie scheren nichts über einen Kamm, sondern übersetzen Bedarfe, lindern Notlagen und verbessern Lebenschancen.“
 
Für die Frauengleichstellungsstelle der Stadt verwies Sabine Kellig auf die Erfolge der Frauenarbeit: „Sie geben denjenigen eine Perspektive, die sonst keine Perspektive mehr haben.“ Und Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission, hob die – meist einstimmige – parteienübergreifende Unterstützung im Münchner Rathaus hervor, die für ihn wichtiger sei als der finanzielle Support: „Der Stadtrat hat ein Auge nicht nur auf die da oben, sondern auch für die am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala.“
 
Die Innere Mission werde ihr Engagement in diesem Bereich künftig noch intensivieren, kündigte Bauer an. Gerade angesichts steigender Zahlen von Flüchtlingsfrauen ohne legalen Aufenthaltsstatus sowie von Armutsmigranten aus Osteuropa sei dies ein Gebot der Stunde. „Die Menschenwürde darf nicht beim Aufenthaltsstatus aufhören.“
 
Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, wies ebenfalls auf den stark angestiegenen Anteil von Frauen in der Wohnungslosigkeit hin. Habe der in den 80-er Jahren noch etwa zehn Prozent betragen, liege er derzeit bei rund 30 Prozent. Angesichts dieser Entwicklung müsse jetzt das gesamte Angebot neu ausjustiert und um ambulante Dienste erweitert werden. „Die Frauen, die vermehrt zu uns kommen, brauchen Hilfe. Wir dürfen sie nicht alleine lassen!“ Bürk dankte für das aufopferungsvolle und oft weit über die Grenzen hinausgehende berufliche Engagement der Hauptamtlichen: „Die Mitarbeiterinnen durchwandern manche dunkle Stunde, bis am Ende dann doch noch das Licht durchbricht.“ Und auch den Ehrenamtlichen sprach er seinen Dank aus: „Ihr besonderer Zugang zu den Menschen, die Sie betreuen, ist uns eine große Hilfe, auf die wir nicht verzichten können“.
 
Klaus Honigschnabel
Foto: Florian Peljek

BU: v. l. n. r. Alexandra Reinalter (Bereichsleiterin im EHW), Nadja Dobesch-Felix (Leiterin Evang. Beratungsdienst für Frauen: Unterstütztes Wohnen), Verena Graf (Leiterin Lebensplätze für Frauen), Dr. Günther Bauer (Vorstand Innere Mission München), Monika Schmidt (Leiterin Evang. Beratungsdienst für Frauen: Stationäres Wohnen), Barbara Kittelberger (Stadtdekanin München), Gordon Bürk (Geschäftsführer EHW), Isabel Schmidhuber (Leiterin Frauenobdach KARLA 51), Barbara Thoma (Leiterin Evang. Beratungsdienst für Frauen: Beratungsstelle und Straffälligenhilfe).


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