Man muss einfach Mensch sein

Es sind die Liebesgeschichten der anderen Art, von denen die Betreuer der Evangelischen Straffälligenhilfe oft hören: nicht die mit Happy-End, sondern die, die von Enttäuschung, Verletzungen oder Zukunftsängsten handeln. Und die Menschen, die sie erzählen, sitzen – aus ganz unterschiedlichen Gründen – in einer Justizvollzugsanstalt. Aber sie alle haben oft etwas gemeinsam: Niemand besucht sie. „Bei vielen Inhaftierten ist in den Beziehungen etwas schief gelaufen“, sagt Gerhard Gruber, Leiter der Straffälligenhilfe des Evangelischen Hilfswerks München.

Nicht erst in den Beziehungen zum Partner oder zur Partnerin, sondern oft auch schon in der Beziehung zu den Eltern. Sitzen diese Menschen dann hinter Gittern, haben sie oft keinerlei Kontakt nach draußen – und bekommen deshalb seltener Hafterleichterungen wie Ausgang oder Hafturlaub. Und nach der Entlassung haben sie niemanden, der sie unterstützt.

Hier setzt seit 25 Jahren die Evangelische Straffälligenhilfe mit ihren ehrenamtlichen Betreuern an. Entstanden aus einem Arbeitskreis der Inneren Mission Anfang der 90-er Jahre, wurde sie bald eine Einrichtung mit hauptamtlicher Leitung. Als das Evangelische Hilfswerk 2003 von der Inneren Mission ausgegliedert wurde, entfiel diese Stelle und Peter Möller, ein Bundeswehroffizier im Ruhe- stand, übernahm als Ehrenamtlicher die Leitung.

Vom Hilfswerk bekam er ein kleines Budget für die anderen Betreuer, zum Beispiel für die Erstattung von Fahrtkosten.

Im vergangenen Jahr haben 34 Ehrenamtliche – rund die Hälfte von ihnen Frauen – knapp 80 Häftlinge in elf oberbayerischen Justizvollzugsanstalten betreut: Bis vor Kurzem waren das nur männliche Häftlinge, seit vergangenem Jahr sind auch vereinzelt Frauen darunter. Die ehrenamtliche Straffälligenhilfe ergänzt dabei die Arbeit des hauptamtlichen Sozialdienstes innerhalb der Anstalten. „Im Moment könnten wir eher noch mehr Ehrenamtliche gebrauchen“, sagt Gerhard Gruber, der die Straffälligenhilfe seit 2010 leitet.

Der selbstständige Sicherheitstechniker ist vor 13 Jahren durch einen Zeitungsartikel auf dieses Ehrenamt aufmerksam geworden. Viele Freunde sagten ihm damals: „Kümmere dich doch lieber um die Opfer!“ – „Aber wenn sich niemand um die Täter kümmert, und sie wieder rückfällig werden, ist das ja auch nicht gut.“

In den Haftanstalten bietet die Straffälligenhilfe einmal im Monat eine Sprechstunde an. Hier können sich die Häftlinge vorstellen und erzählen, was sie möchten: jemanden zum Briefeschreiben zum Bei- spiel oder eine Begleitung für einen Ausgang, was ohne Kontakte nach draußen kaum möglich ist.

Bei den monatlichen Treffen der Betreuer im Bodelschwingh-Haus in der Münchner Schillerstraße werden die Schicksale dann vorgestellt und die Betreuer können einen Fall auswählen.

Die Haftzeit beträgt zwischen wenigen Monaten und bis zu 30 Jahren; die Betreuung dauert im Durchschnitt ein bis zwei Jahre, meist gegen Ende der Zeit. Vom Mehrfach-Schwarzfahrer bis zum Mörder sei alles dabei, weiß Gruber.

Die Ehrenamtlichen können sie sooft besuchen, wie sie wollen – die Besuche werden nicht auf die zwei Stunden Besuchszeit pro Monat angerechnet, die einem in Haft zustehen. Die meisten Ehrenamtlichen kommen ein- bis zweimal im Monat. Zuverlässigkeit sei dabei sehr wichtig, betont Gruber.

Für viele Inhaftierte sei das eine ganz neue Erfahrung, dass sich da jemand extra Zeit für sie nimmt. Gruber erinnert sich an einen jungen Mann, der gar nicht glauben wollte, dass er extra wegen ihm gekommen war: „So etwas hatte noch nie jemand für ihn getan.“

Dankbarkeit und positive Rückmeldungen freuen Gruber natürlich. Er betreut am liebsten jüngere Straftäter, weil er das Gefühl hat, dass er dort noch am meisten erreichen kann. Doch es kommt auch immer wieder vor, dass sich Menschen einige Zeit nach ihrer Entlassung wieder bei ihren ehemaligen Betreuern melden – wenn sie erneut im Gefängnis gelandet sind.

Auch Peter Möller hörte in seiner Zeit als Betreuer oft den Satz, das seien doch alles hoffnungslose Fälle. „Ich habe mich dann gefragt: „Was kann ich tun, damit es nicht hoffnungslos wird?“ Er sieht den Betreuer als Begleiter – die Motivation zu Veränderungen müsse jedoch vom Häftling selbst ausgehen: „Ich habe ihnen die Hand gereicht, gehen mussten sie selbst.“

Nicht jeder sei als Betreuer geeignet, sagt der 73-Jährige. Dafür brauche es schon eine gewisse Lebenserfahrung. So sei es wichtig, sich abzugrenzen; man dürfe auch nicht alles glauben oder den anderen ins eigene Privatleben hineinlassen.

So wie Möller sind viele Betreuer schon lange dabei: zehn, teilweise schon 20 Jahre oder sogar noch länger. Am Anfang bekommen sie in einem eintägigen Grundkurs alle rechtlichen Regeln vermittelt, danach müssen sie nach einer Sicherheitsüberprüfung noch als ehrenamtliche Betreuer im jeweiligen Gefängnis zugelassen werden.

Wie etwa Oscar Costa. Der 55- Jährige ist seit etwa zweieinhalb Jahren dabei. Auch er stieß durch Zufall bei einer Ehrenamtsmesse auf die Straffälligenhilfe. „Ich habe das Gefühl, unsere Hilfe bringt den Menschen etwas. Manchmal hat ein Gefangener schon eine ganz andere Körperhaltung nach dem Gespräch mit mir, ist viel selbstbewusster.“

Sein Schlüsselerlebnis war ein Peruaner, der nach der Haft aus Deutschland abgeschoben wurde und den er in seinem Vorhaben bestärkte, in Peru sein Zahnmedizinstudium weiterzuführen. „Er hat mir mittlerweile geschrieben, dass er tatsächlich genommen wurde“, erzählt Costa, der als Datentypist arbeitet.

Nach der Entlassung aus der Haft kann der Betreuer bei der Wiedereingliederung helfen. Über das Evangelische Hilfswerk gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, ein Zimmer im Bodelschwingh-Haus zu beziehen. Rund 40 Männer können hier unter sozialpädagogischer Betreuung wieder erste Schritte in der Freiheit wagen.

Immer häufiger werden jedoch die Fälle, in denen die Betreuer gar keine Wiedereingliederungshilfe leisten können – weil der Straffällige keine gültige Aufenthaltserlaubnis hatte und direkt nach der Haft aus Deutschland abgeschoben wird. „Das macht die Arbeit schwierig für uns, weil wir diesen Menschen keine Perspektiven  für die Zeit nach der Entlassung bieten können.“ Aber gerade sie haben keine Familie in Deutschland und sind deshalb froh, wenn es noch jemanden außerhalb der Gefängnismauern gibt, der sie zumindest besucht und unterstützt.

Nach der wichtigsten Voraussetzung gefragt, die ein Betreuer für dieses Ehrenamt mitbringen muss, antwortet Gruber ganz spontan: „Man muss einfach Mensch sein.“

Imke Plesch

Foto: Erol Gurian


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