Lichter der Großstadt

Sila trug immer ein buntes Kopftuch, sodass man sie abends an ihrem Schlafplatz rasch erkennen konnte. Auch an ihrer rauen Stimme erkannten wir, die Streetworker, dass sie da war.

Ab und zu kam sie in die Beratung mit irgendeinem Brief. Ihr Mann begleitete sie immer: „Ich war wieder im Krankenhaus. Kannst Du entziffern, was ich wieder habe? Die Ärzte haben wie immer auf Medizinisch geschrieben.“

Wir mussten uns zusammenreißen, vor allem weil die gesundheitliche Situation von Sila ernst war: „Auf Medizinisch?“ – „Ja, das ist doch die Sprache der Ärzte, weißt du nicht?“ Und ihre Augen lachten, als sie sprach, sodass wir nicht wussten, ob sie gerade einen Witz machen wollte.

In Silas Beratungsprofil gab es nichts Witziges. Unabhängig davon, ob sie sich gerade wegen ihrer Hepatitis-Medikamente oder wegen der drohenden Abschiebung in der Beratung befand, ob sie über die Vergangenheit redete – über Kommunismus, Revolution, Kapitalismus oder Armut, über ihren damaligen Beruf als Straßenkehrerin oder über ihr einziges, nicht geborenes Kind – alles kam mir sehr ernst vor. Diese aussichtslosen Ereignisse konnten aber weder ihren Sinn für Humor noch ihre Hoffnung – an der sie bis zuletzt fest – hielt trüben.

Sila wollte im Winter nicht in den Kälteschutz. „Ohne meinen Mann kann ich nicht schlafen. In der Bayernkaserne muss ich ja alleine in den Frauenbereich.“ Sie übernachteten gemeinsam draußen, sowohl im Winter als auch im Sommer. Dann, auf einmal, erreichte mich die Nachricht, dass Sila nicht mehr unter uns sei.

Es geschah im Krankenhaus. Sie wurde von einem Rettungswagen von ihrem Schlafplatz abgeholt, ihr Mann durfte nicht mitfahren. Sie ist alleine verstorben; die Krankenschwester erzählte später, dass sie ihr eine Kerze angezündet hatte.

Danach folgte die schönste Beisetzung, die wir je gesehen haben. Vor allem beim Priester Alexandru Nan möchten wir uns bedanken – er hat sich sehr eingesetzt, um Silas letzten Weg so wertschätzend wie möglich zu gestalten.

Beim Gottesdienst herrschte in der Kirche eine nahezu greifbare Stille. Sila war wieder die einzige Frau unter den Dutzenden Obdachlosen – und alle gemeinsam waren ein Teil dieser Stille.

In Erinnerung blieben uns die von Trauer geprägten Gesichter, der spürbare Zusammenhalt zwischen den Menschen in dieser Stunde. Es waren die Männer, die wir aus der Beratung kannten: groß, stark, etwas grob, nicht besonders sensibel – zumindest nicht nach außen. Nun hielt jeder eine Kerze in der Hand, schluchzend, zitternd, zerbrechlich.

Mir ging ein Satz durch den Kopf, den ich in Rumänien oft gehört hatte: „Männer weinen nicht.“ Obdachlose schon.

Silas Mann stand ganz vorne, in der ersten Reihe. Er stand da und versuchte, nicht zusammenzubrechen. Seine Kerze schien mit ihm zusammen zu weinen – riesige Wachstränen flossen auf seine Finger, auf die braun polierte Bank, auf den Boden.

Adriana Mihaita

 


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