Job weg, Wohnung weg

Immerhin – seit Anfang Juni ist das Café im Frauenobdach KARLA51 wieder geöffnet. „Wegen der Abstandsregeln dürfen aber immer nur elf Frauen gleichzeitig dort sein – normalerweise sind es 30 bis 40“, erklärt Einrichtungsleiterin Isabel Schmidhuber, die für die beiden Häuser in der Karlstraße verantwortlich ist.

Am Eingang des Cafés wird beiden Frauen Fieber gemessen, wer erhöhte Temperatur hat, wird zum Arzt geschickt. Erst am Tisch dürfen die Frauen ihren Mund-Nase-Schutz abnehmen. „Es ist leider eine ziemlich trübe Angelegenheit“, bedauert Schmidhuber. Gerade die Frauen, die zu ihnen ins Café kommen, seien oft einsam und auf der Suche nach Kontakten. „Wir hoffen sehr, dass wir bald wieder normal öffnen dürfen.“

Nicht nur im Café, auch im Rest der beiden Häuser, die akut wohnungslosen Frauen eine Unterkunft für etwa zwei Monate bieten, müssen Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen einen Mund-Nase-Schutz tragen. „Zum Glück haben wir viele Masken gespendet bekommen, sodass wir den Frauen welche geben können“, berichtet Schmidhuber. Doch die Einschränkungen sind auch so deutlich spürbar: Gemeinsame Feste wie Osterbrunch und Sommerfest fielen dieses Jahr weg – normalerweise feste Termine, an denen die Frauen zusammenkommen und für ein paar Stunden ihre Sorgen vergessen können.

„Diese lange Ausnahmezeit schlägt aufs Gemüt“, sagt Isabel Schmidhuber. „Unsere Klientinnen und auch deren Kinder haben enorm hohen Beratungs- und Betreuungsbedarf, fühlen sich stark verunsichert und sind total einsam. Das wird uns noch lange begleiten.“ Auch die ohnehin angespannte Platzsituation in den Häusern hatte sich durch die Corona-Pandemie zunächst weiter verschlechtert. Im März hatte es zwei Wochen lang keine Auszüge und damit auch keine Aufnahmen gegeben.

„Glücklicherweise haben wir im Juli wieder viel Bewegung gehabt mit insgesamt 21 Auszügen“, sagt Schmidhuber. Der Schutzraum, in dem normalerweise vier Frauen in akuten Notsituationen untergebracht werden können, durfte zunächst nur mit einer, mittlerweile wiedermit zwei Frauen belegt werden. Mehr Fälle von häuslicher Gewalt wurden in KARLA 51 während der Ausgangsbeschränkungen nicht gemeldet. „Das liegt aber nicht daran, dass es keinen Anstieg gab, sondern an den lange fehlenden Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen“, glaubt Schmidhuber. Viele Beratungsstellen waren geschlossen und auch Schulen und Kitas, so dass dort zum Beispiel niemand blaue Flecken an Kindern bemerken konnte. Wenn diese Angebote wieder in größerem Umfang öffnen, werden die Fälle von häuslicher Gewalt in die Höhe gehen, befürchtet die Einrichtungsleiterin.

Auch aus anderen Gründen erwartet sie bald mehr Anfragen. „Viele Frauen, die bei uns Schutzsuchen, arbeiten im Billiglohnsektor, der jetzt oft besonders von der Wirtschaftskrise betroffen ist. Wer da seinen Job verliert, kann bald seine Miete nicht mehr bezahlen.“

In einigen Branchen sei eine Wohnmöglichkeit auch direkt an den Job gekoppelt, zum Beispiel bei Mitarbeiterinnen im Hotel. „Wenn dann der Job weg ist, ist auch das Zimmer weg.“ Sorge bereitet Schmidhuber außerdem ein möglicher Spendenrückgang in den nächsten Monaten, aufgrund der eingebrochenen Umsätze vieler Unternehmen: „Wir sind aber angewiesen auf dieses Geld.“

Imke Plesch


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