02.06.2016 - Ich sehe den Menschen und nicht die Straftat

Eigentlich wollte Eva Jung-Kramer sich damals, vor 16 Jahren, bei der Freiwilligenorganisation Tatendrang nur informieren, was sie ehrenamtlich machen könnte, wenn sie in Rente geht. „Straffälligenhilfe“ war das Ergebnis der Beratung. Vor drei Jahren ist sie in Rente gegangen, doch mit dem Ehrenamt hat sie damals gleich angefangen: „Die haben mich einfach nicht wieder losgelassen“, erzählt sie und lacht.

 
Die 65-Jährige ist eine von rund 35 Ehrenamtlichen, die sich derzeit bei der Evangelischen Straffälligenhilfe um Häftlinge in den südbayerischen Justizvollzugsanstalten (JVA) kümmern: Sie schreiben ihnen Briefe, besuchen sie regelmäßig im Gefängnis, begleiten sie, wenn sie Ausgang oder Urlaub haben und stehen ihnen manchmal auch noch zur Seite, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden. Kurz: Sie wollen ihnen den Weg zurück in ein Leben außerhalb der Gefängnismauern erleichtern. 
 
Einmal im Monat fährt Eva Jung-Kramer in die JVA Niederschönenfeld, in der Nähe von Donauwörth. Dort sitzen Erststraftäter zwischen 21 und 28 Jahren ein, unter anderem wegen Diebstahls, Dealens, Totschlags, versuchten Mordes. Die Münchnerin hat sich bewusst für diese Haftanstalt entschieden: "Gerade bei den Jungen hat man noch Hoffnung und kann etwas bewirken", sagt sie. Die Insassen können einen Antrag auf einen ehrenamtlichen Helfer stellen; dafür bekommen sie Hafterleichterung. 
 
"Die Jungs fassen schnell Vertrauen zu mir, weil sie sehen, dass ich nicht die Justiz bin und das, was gesprochen wird, unter uns bleibt", sagt Eva Jung- Kramer. Sie redet mit ihnen über das Essen im Knast, über Probleme mit den Mitinsassen und Wärtern. Sie hört zu, wenn sich die Familie abwendet, wenn Beziehungen auseinander gehen oder wenn es um die Zeit nach dem Gefängnis geht. Und manche schildern auch ihre Taten. Jung-Krämer versucht, jeden so anzunehmen, wie er ist: "Ich sehe den Menschen und nicht die Straftat." 
 
Anfangs hat Eva Jung- Kramer nur ihrer Familie und den engsten Freunden vom Ehrenamt erzählt. Weil sie immer wieder gemerkt hat, dass Menschen mit Vorbehalten darauf reagieren: "Warum engagierst Du Dich denn gerade für die? Den Opfern geht es doch viel schlechter", hört sie dann meistens. Ihre Antwort: "Ich habe mich für diese Seite entschieden", antwortet sie dann. Das Ehrenamt ist für mich befriedigend." 
 
Eine soziale Ader habe sie schon immer gehabt, sei immer gut mit Menschen ausgekommen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Ganz früh haben sie ihre Eltern in den Kindergarten gegeben - was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Da war sie mit Kindern aus sozial schwachen Familien zusammen. Und hat selber gemerkt: "Es geht nicht allen so gut wie mir." Sie hat in ihrem Leben keine Tiefschläge erlebt und möchte jetzt gerne etwas abgeben. Und doch: "Man kann nicht nur Gutmensch sein, man muss sich hinterfragen können", sagt sie. Und eigene Ansprüche hinten anstellen. Die 115 Kilometer Fahrt von Niederschönenfeld nach München helfe, Abstand zu gewinnen: "Da kreisen bei mir noch oft die Gedanken." 
 
Und doch gibt es Fälle, die sie nicht so einfach loslassen. So wie bei Marek*: Er ist in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen, war Dealer und selbst drogenabhängig. Weil er seinen deutschen Pass nicht rechtzeitig beantragt hatte, wusste der 25-Jährige nicht, ob er abgeschoben wird - in ein Land, das er gar nicht kannte. "Die Ungewissheit war grauenvoll", erinnert sich Jung-Kramer. "Der Richter war das Zünglein an der Waage." Er hat dann entschieden, dass Marek in Deutschland bleiben darf. 
 
Auch die ersten Schritte außerhalb der Gefängnismauern macht sie mit ihren Schützlingen, wenn sie Ausgang haben. Die Wünsche sind oft einfach: Kaffee trinken, Kleidung für die Zeit nach der Haft kaufen, durch die Stadt bummeln oder "kulinarisch wunderbar essen bei McDonalds". Einer wünschte sich, mit ihr zu wandern, ein anderer bat um eine Radtour. Da hat sie die Räder der Familie in ihren VW-Bus gepackt und ihn zur Tour rund um einen See abgeholt. 
 
"Die Jungs wollen Freiheit spüren, denn im Gefängnis ist das Leben doch sehr klein geschaltet", sagt sie. Beim Ausgang seien sie ganz andere Menschen: Viele seien wieder wie Kinder, andere eher ängstlich: "In den zwei bis drei Jahren hinter Gittern verändert sich die Welt sehr - gerade für so junge Menschen." Zwischen 20 bis 30 Straftäter hat Eva Jung-Kramer bisher betreut, ein bis zwei Jahre lang sieht sie sie regelmäßig. 
 
Mit der Entlassung endet der Kontakt zu den meisten. Von manchen erfährt sie, dass sie wieder hinter Gittern gelandet sind, mit anderen freut sie sich, wenn der Weg in die Freiheit geklappt hat. So wie bei Johann*: Er hat eine Arbeit und eine Freundin gefunden - und kürzlich eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, dass er vier Tage Urlaub - seinen allerersten im Leben - in einem Vier-Sterne-Hotel verbringt.


zurück