16.06.2016 - Heterogene Zielgruppe - vielfältige Probleme

Obdachlose Frauen? Die gibt es doch gar nicht! „Das war lange die vorherrschende Meinung in der Bevölkerung“, erzählt Nadja Dobesch-Felix, eine der drei Einrichtungsleiterinnen beim Evangelischen Beratungsdienst für Frauen. Doch als in den 80-er Jahren die ersten speziellen Anlaufstellen eröffnet wurden, kamen plötzlich sehr viele Frauen und es war klar: Es gibt sie doch.

 

„Unsere Aufgabe ist es, die verdeckte Obdachlosigkeit von Frauen sichtbar zu machen, ihnen einen geschützten Raum zu bieten und sie dann konsequent frauenspezifisch zu beraten“, erklärt Dobesch-Felix. Heute hilft der Evangelische Beratungsdienst pro Jahr etwa 900 wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen.
Der Beratungsdienst für Frauen und Mädchen wurde vor 50 Jahren in München gegründet. Vorläufer war die vom Pfarrer der Matthäuskirche gegründete „Mitternachtsmission“, in der die Diakonieschwester Annerl Hold seit 1935 Prostituierten half. 
Die Mitternachtsmission wurde 1947 in die Innere Mission eingegliedert und konnte 1949 einige Zimmer in der Heßstraße 12 in der Maxvorstadt beziehen. Damals lebten Schwester Annerl und eine weitere Schwester noch gemeinsam mit den 25 betreuten Frauen in sehr einfachen Verhältnissen unter einem Dach.
Doch nach einigen Jahren konnten sie die Arbeit nicht mehr alleine bewältigen. 1966 wurde deshalb der Evangelische Beratungsdienst gegründet, der von der Stadt München und vom Bezirk Oberbayern mitfinanziert wird. Zwei Schwestern aus Neuendettelsau leiteten von nun an das Heim in der Heßstraße mit einer ambulanten Beratungsstelle und freier Straffälligenhilfe. Die Hilfe für Prostituierte wurde eine eigene Einrichtung und läuft heute unter den Namen Mimikry und Marikas.
Seit 1966 hat sich das Hilfesystem für Frauen in der bayerischen Landeshauptstadt immer mehr verfeinert. Eine wichtige Wegmarke war 1996 die Eröffnung des Frauenobdachs KARLA 51, das wohnungslose Frauen in akuten Notsituationen aufnimmt.
Der Beratungsdienst wurde 2014 neu organisiert und in die drei Bereiche Beratungsstelle und Straffälligenhilfe, Unterstütztes Wohnen sowie Stationäres Wohnen aufgeteilt, in denen heute etwa 45 Sozialpädagoginnen arbeiten.
„Wir schauen immer als Erstes: In welcher Lebenssituation ist die Frau und welche Unterstützung braucht sie?“, erklärt Dobesch-Felix. Die Gruppe obdachloser Frauen ist sehr heterogen, ihre Probleme sind vielfältig: Neben dem Verlust der Wohnung, häufig durch Trennung vom Partner, haben die meisten Frauen auch körperliche und sexuelle Gewalt erlebt, sei es vom Partner oder bereits in der Kindheit. Viele Frauen sind psychisch oder physisch krank, haben keine oder nur eine unzureichende Ausbildung, Schulden oder Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder.
„Die Frauen, die zu uns kommen, sind arm in jeder Hinsicht: Ihnen fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an persönlichen Netzwerken, Ausbildung und Gesundheit.“ Sie ist immer wieder erschüttert, wie vereinsamt viele Frauen sind. Anders als Männer versuchen Frauen zudem noch länger, ihre Armut zu verdecken: Wenn sie ihre Wohnung verlieren, schlafen viele zunächst noch bei Freunden oder Bekannten, selten wirklich auf der Straße. Sie achten auch mehr auf ihr Erscheinungsbild, schminken sich mit Testprodukten im Kaufhaus und nutzen statt Plastiktüten einen Rollkoffer für ihre Habseligkeiten.
„Sich als erwachsene Frau einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist sehr schwer. Viele schämen sich extrem. Deshalb ist es so wichtig, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen, damit sie sich überhaupt Unterstützung holen“, betont Dobesch-Felix.
Das Haus in der Heßstraße 12 existiert auch heute noch und ist einer der Pfeiler der Arbeit des Beratungsdienstes: Bei einem kompletten Umbau Anfang der 80-er Jahre wurden die Mehrbett- in 22 Einzelzimmer mit Bad umgewandelt. Hier bekommen die Frauen intensive Unterstützung: „Wir begleiten die Frauen im Wohnheim im Schnitt etwa ein Jahr“, erklärt die Einrichtungsleiterin des Bereiches Stationäres Wohnen, Monika Schmidt.
„Sie sollen hier erstmal zur Ruhe kommen, sich zum Beispiel um ihre Gesundheit kümmern und vielleicht Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen, wenn das in einer anderen Einrichtung untergebracht ist.“ Viele müssten auch lernen, überhaupt ihren Tag selbst zu strukturieren, Putzdienste ordentlich zu erledigen und Konflikte mit anderen Bewohnerinnen friedlich zu lösen. Da die Sozialarbeiterinnen ihr Büro im selben Gebäude haben, bemerken sie schnell, wenn jemand Probleme hat und mit ihnen nicht allein fertig wird.
Ein zentraler Punkt in der Beratung ist oft, das Selbstwertgefühl der Frauen wieder aufzubauen. „Wir motivieren die Frauen, ihre eigenen Ressourcen, Ideen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Viele müssen erst lernen, dass sie sie selbst sein dürfen.“
Für Frauen, die ihren Alltag relativ selbständig organisieren können, gibt es außerdem über das Stadtgebiet verteilt mehrere betreute Wohngemeinschaften, in denen sie etwa einmal wöchentlich von einer Sozialarbeiterin besucht werden. Außerdem gibt es noch Wohngemeinschaften speziell für junge Frauen zwischen 18 und etwa 21 Jahren.
„Einige Frauen durchlaufen auch mehrere unserer Angebote“, erzählt Barbara Thoma, zuständig für die Beratungsstelle und Straffälligenhilfe. So beraten die Pädagoginnen zum Beispiel in den Justizvollzugsanstalten in München und Aichach inhaftierte Frauen regelmäßig und bereiten sie auf ihre Entlassung vor. Manche können dann ins Wohnheim und später in eine Wohngemeinschaft ziehen.
Haben sie schließlich eine eigene Wohnung gefunden, können sie sich im Rahmen von Integrationshilfen noch eine Weile begleiten lassen, beispielsweise bei Behördengängen oder Erkundigungen im neuen Stadtviertel. „Unser Ziel ist es, die Frauen nachhaltig zu begleiten“, erklärt Thoma. Niedrigschwellige Unterstützungsmöglichkeiten wie die Integrationshilfen oder ambulanten Beratungsangebote tragen dazu bei, dass sie selbstständig leben können und nicht nach ein paar Jahren erneut ihre Wohnung verlieren.
Voraussetzung aller Hilfen ist jedoch, dass die Frauen eine bezahlbare Wohnung finden – und genau daran scheitert es in München schon seit Längerem: „In der Realität haben unsere Frauen auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance und können nur auf eine Sozialwohnung hoffen“, sagt Dobesch-Felix. Sie sieht neben den fehlenden preiswerten Wohnungen noch ein zweites großes Problem für benachteiligte Frauen. „Die Arbeitswelt wird immer komplizierter, einfache Tätigkeiten fallen weg. Früher konnten viele Frauen auch ohne abgeschlossene Ausbildung irgendwo mitarbeiten und waren integriert.“ Diese Möglichkeiten gebe es kaum noch. Dabei sei es für das Selbstwertgefühl der Frauen enorm wichtig, eine Arbeit zu haben und darüber Anerkennung zu bekommen.
Doch auch wer eine Arbeit hat und den Mindestlohn bekommt, kann sich davon oft keine eigene Wohnung leisten. Gut bezahlte Arbeitsplätze und preiswerte Wohnungen sind deshalb die Hauptforderungen der Einrichtungsleiterinnen des Evangelischen Beratungsdienstes – damit sie auch in Zukunft Frauen helfen können, auf eigenen Beinen zu stehen.
 
Imke Plesch
 
BU: Beim Freitagsfrühstück kommen Frauen aus allen Bereichen des Beratungsdienstes zusammen. Hier können sie sich in geselliger Runde austauschen, Kontakte knüpfen oder einfach nur in Ruhe einen Kaffee trinken.

Foto: Erol Gurian


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