Erfolgsgeschichten beginnen mit kleinen Schritten

Der Blick schweift durch das Zimmer: ein Bett, Tisch, Stühle, Kleiderschrank – alles aus schlichtem Holz. Mit einem rosa Teppich und rosa Gardinen hat seine Bewohnerin ihm eine persönliche Note gegeben. In der Ferne, durch das Fenster im fünften Stock eines GEWOFAG-Hauses in Giesing, sind die Gipfel der Alpen zu erahnen.

Das WG-Zimmer ist Teil des Dezentralen Stationären Wohnens, das der Evangelische Beratungsdienst für Frauen seit etwas mehr als 15 Jahren anbietet. In vier Wohngruppen leben Frauen, die von Obdachlosigkeit in Verbindung mit besonderen sozialen Schwierigkeiten betroffen sind. Viele von ihnen haben keinen sozialen Rückhalt, einige sind straffällig geworden oder überschuldet. Häufig kommen mangelnde Förderung von klein auf sowie körperliche, seelische und sexuelle Gewalterfahrungen hinzu. Viele Klientinnen haben aufgrund solcher Erlebnisse nie eine Schule oder Ausbildung abgeschlossen, sind nie richtig auf dem Arbeitsmarkt angekommen.

„Das Angebot ermöglicht den Frauen mehr Freiraum, Eigenständigkeit und Selbstverantwortung als im Wohnheim“, erklärt Monika Schmidt, Leiterin des Stationären Wohnens. Sie weiß, dass es für viele wohnungslose Frauen eine Hürde ist, in ein Heim zu ziehen, wo jedes Kommen und Gehen bemerkt wird.

Die sozialpädagogische Betreuung im Dezentralen Stationären Wohnen ist allerdings genauso intensiv wie in einer zentralen Einrichtung. Das Team besteht aus acht Pädagoginnen, einer hauswirtschaftlichen Anleiterin, einer Verwaltungskraft und einem Hausmeister: Annika Biermann, Johanna Hitzler, Julia Hofmann, Karin Hösler, Sarra Lajmi, Andrea Mussack, Christine Wegele, Ursula Schertel-Forster, Monika Schmidt, Bettina Hitzelsberger, Sara Lausch und Toni Pandza. Die Mitarbeitenden sind flexibel für die Bewohnerinnen erreichbar, die sich zu späteren Stunden an den Nachtdienst des Wohnheims wenden können. In den Wohngruppen leben Frauen im Alter von etwa 18 bis 65 Jahren. Insgesamt umfasst das Angebot 15 Plätze. Für junge volljährige Frauen gibt es drei Wohnungen mit zusätzlichen zehn Plätzen.

In den dezentralen Gruppen leben die Klientinnen zu dritt oder zu viert in einem normalen Wohnumfeld, haben einen eigenen Hausschlüssel. „Wenn der Kaminkehrer kommt, muss man da sein, die Tür aufmachen. Man kann nicht einfach sagen, ich habe keine Lust aufzustehen“, nennt Christine Wegele ein Beispiel. Die Religionspädagogin arbeitet seit 28 Jahren im Stationären Wohnen. Auf diese Weise erfahren die Frauen auch, was es bedeutet, eine eigene Wohnung zu haben. Doch viele wohnungslose Klientinnen bekommen auf dem angespannten Münchner Wohnungsmarkt erst gar keine Chance, ein eigenes Appartement zu mieten.

„Unsere Arbeit stagniert dadurch“, kritisiert Johanna Hitzler, die vor 32 Jahren angefangen hat, für den Evangelischen Beratungsdienst für Frauen zu arbeiten. „Wir müssen ja schauen, wo die Frauen hinkönnen, wenn der Bedarf nicht mehr so intensiv ist oder ihre Zeit hier abgelaufen ist. Bei den Sozialwohnungen gibt es leider auch sehr selten Zusagen.“

Wie lange die Frauen in den Wohngruppen bleiben können, liegt vor allem an den Kostenträgern. „Früher wurden eigentlich immer eineinhalb Jahre genehmigt. Heute oft nur noch ein Jahr, manchmal auch nur ein halbes“, erklärt Christine Wegele. „Das setzt uns schon unter Druck.“

„Unserer Klientinnen haben mehrere massive Probleme“, ergänzt Leiterin Monika Schmidt. „Man kann nicht erwarten, dass jemand, der jahrelang strudelt, das alles innerhalb kürzester Zeit lösen kann.“ Doch nicht nur die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat sich in den vergangenen 15 Jahren verändert: „Früher gab es mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für geringqualifizierte Men schen“, sagt Johanna Hitzler rückblickend. Es sei schwer geworden, für die Frauen ein Job-Umfeld zu finden, in das sie sich einfügen können, so die Pädagogin.

Ein weiterer deutlicher Einschnitt war 2017 ein neues Gesetz, das dazu führte, dass viele EU-Bürgerinnen und EU-Bürger lange Zeit von Sozialleistungen ausgeschlossen wurden. Immer wieder konnte das Team des Dezentralen Stationären Wohnens Bewerberinnen in Notlagen nicht aufnehmen, weil sie die Voraussetzungen nicht vorweisen konnten. Dazu gehört, durchgängig fünf Jahre gearbeitet zu haben und für denselben Zeitraum polizeilich gemeldet zu sein.

Monika Schmidt erinnert sich an einen besonders tragischen Fall: Für eine Frau, die seit 27 Jahren in Deutschland lebt und nur teilweise gearbeitet hat, wurden die Kosten nicht mehr übernommen, weil sie eben nicht fünf Jahre gemeldet war. „Der Kreis unserer Klientinnen ist bei der Gesetzgebung einfach vergessen worden. Sie sind schon lange Teil unserer Gesellschaft, und nicht einfach hergekommen, um Sozialleistungen zu beantragen.“

Die wohnungslosen Frauen, die im Dezentralen Stationären Wohnen einen Platz erhalten, bekommen im Alltag individuelle Hilfe: Die Mitarbeiterinnen unterstützen sie unter anderem durch Gespräche, begleiten sie zu Ämtern, leisten Hilfe bei Bewerbungen oder Schriftwechseln. Mithilfe des Teams finden die Klientinnen wieder eine Tagesstruktur: Es gibt zum Beispiel ein gemeinsames Frühstück, PC-, Kreativ- und YogaKurse. Auch Ausflüge und Urlaube in der Gruppe stärken das Selbstwertgefühl der Frauen, sodass sie sich ihren komplexen Problemen unbelasteter stellen können.

Erfolgsgeschichten beginnen mit kleinen Schritten, etwa wenn die oft vereinsamten Klientinnen gemeinsam etwas unternehmen. Oder wenn die Frauen doch eine eigene Wohnung bekommen – und halten können.

Christine Richter

Foto: Florian Peljak

Bildtext: Monika Schmidt und Annika Biermann zeigen eines der Zimmer.


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