Ende der Pionierarbeit

Juliana Wittal deutet auf den 16-Jährigen, der sie um mehrere Köpfe überragt. „Den kenne ich noch, als der so klein war“, sagt sie und deutet nach unten auf die Höhe ihres Knies. Der Teenager ist mit seiner Mutter zur Verabschiedung der 63-Jährigen ins Frauenobdach KARLA 51 gekommen. Die Diplom-Sozialpädagogin geht in den Ruhestand; seit 1996 hat sie mit wenigen Jahren Unterbrechung in der Einrichtung gearbeitet.

 

Wittal hat unter anderem die Mutter-Kind-Gruppe von KARLA 51 in der städtischen Notunterkunft Pension Waltram geleitet. Sie war für die Frauen und ihre Kinder da, hat sie unterstützt, wenn es Probleme gab – mit der Schule, dem Vermieter oder dem Mann. Sie half den Familien aus der sozialen Isolation, stärkte das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

 

Außerdem hat sie Ausflüge und Feste geplant. Für Mütter und Kinder waren das echte Highlights: raus aus der Enge der Notunterkunft, Spaß haben. Einmal im Jahr, über Pfingsten, ging es für ein paar Tage an den Schliersee – Urlaub für Menschen, die sich das sonst nicht leisten können. Während die einen abschalten konnten, bedeuteten diese Tage für Juliana Wittal vor allem eins: Verantwortung. „Ich bin so froh, dass nie etwas passiert ist. Das ist eigentlich kein Job für einen Kontrollfreak wie mich“, sagt sie.

 

Es ist eine fröhliche Stimmung an diesem Nachmittag, in die sich die Melancholie des Abschieds mischt. Es gibt Kuchen und Pilaw, ein Reisgericht. Gekommen sind fast ausschließlich Frauen: Da sind die Schwestern aus Syrien, die Unterstützerinnen und vor allem die Mütter mit ihren Kindern. Gemeinsam blättern sie durch Fotoalben, blicken zurück.

 

KARLA 51 nimmt aber nicht nur von Juliana Wittal Abschied, sondern auch von der Kinderbetreuung, die es seit 2003 gab. Speziell für Kinder, die keinen Kita-Platz bekommen. Hier konnten sie Kind sein: spielen, toben, lernen. „Damit haben wir echte Pionierarbeit geleistet“, sagt Isabel Schmidhuber, Leiterin von KARLA 51. „Wir waren die Ersten, die so eine Kinderbetreuung in einer Notunterkunft angeboten haben.“ Das Projekt wurde komplett über Spenden finanziert. „Heute ist es keine Frage mehr, ob es diese Betreuung braucht“, sagt Schmidhuber. Deshalb freut sie sich, dass die Stadt München dieses Vormittags-Angebot künftig übernehmen will. Die Ausflüge, die Ferienfreizeit zu Pfingsten und die Feste für Mütter und Kinder, will das Team von KARLA 51 auf jeden Fall weiterführen.

 

Christine Richter


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