Eine sichere Bleibe auf Zeit

Seit 20 Jahren gibt es das Frauenobdach Karla 51. Hervorgegangen ist „die Karla“ aus der Frauenteestube in der Dreimühlenstraße, wo sich seit 1989 wohnungslose Frauen tagsüber treffen, Wäsche waschen und Hilfe erhalten konnten. Doch irgendwann war klar, dass die Frauen auch nach 22 Uhr, der Schließzeit des Cafés, einen eigenen Anlaufpunkt brauchten. In den gemischten Notunterkünften für Obdachlose waren sie häufig Übergriffen von männlichen Bewohnern ausgesetzt. „Es dauerte eine Weile, bis der Bedarf für eine Einrichtung speziell für obdachlose Frauen akzeptiert wurde“, sagt Isabel Schmidhuber, die Leiterin des Frauenobdachs. 1995 wurde das Haus in der Karlstraße 51 angemietet; vorher war hier ein Wohnheim für Auszubildende der Post. 1996 eröffnete dort das Frauenobdach unter der Leitung von Carol Wandt, die vorher die Frauenteestube geführt hatte. Sie leitete die Einrichtung bis 2003 und bekam für ihren Einsatz 2005 das Bundesverdienstkreuz.

40 Einzelzimmer mit eigenem Bad und Gemeinschaftsküche bieten seitdem ein erstes Obdach für Frauen, die auf der Straße gelandet sind – aus ganz verschiedenen Gründen. „Die Geschichten der Frauen sind unendlich vielfältig“, erzählt Schmidhuber. Viele waren gezwungen, sich von ihren Männern zu trennen und müssen Hals über Kopf eine neue Bleibe finden, weil sie nicht mit im Mietvertrag stehen. Bei anderen ist der Ehemann und Versorger plötzlich verstorben und die Frauen hatten nicht für eine eigene Absicherung gesorgt. Andere sind als Au-Pair-Mädchen nach München gekommen, schwanger geworden und können nicht in ihr Heimatland zurück. Wieder andere konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen und sind aus der Wohnung geklagt worden.
 
Waren vor 25 Jahren noch zehn Prozent der Obdachlosen in Oberbayern Frauen, sind es heute 30 Prozent, weiß Isabel Schmidhuber. Vor allem alleinerziehende Mütter seien von Armut bedroht: „Es ist ein Teufelskreis: Es gibt immer noch zu wenig Krippenplätze – doch ohne Betreuung für das Kind können die Frauen keine Arbeit annehmen.“ Außerdem seien alleinerziehende Frauen bei Vermietern oft nicht besonders beliebt.
 
Auch die Einführung von Hartz IV hat dafür gesorgt, dass sich die Abwärtsspirale im Leben vieler Menschen deutlich schneller dreht. Wer seinen Job verliert und Hartz IV bekommt, muss oft nach einiger Zeit aus der alten Wohnung ausziehen, weil sie zu teuer ist und das Jobcenter die Miete deshalb nicht komplett übernimmt.
 
Frauen, die bei Karla 51 Unterschlupf finden, sind zwischen 18 und 90 Jahren alt und kommen aus der ganzen Welt, berichtet die Sozialpädagogin. Etwas mehr als die Hälfte der Frauen hat einen Migrationshintergrund. Aufgenommen werden zunächst alle Frauen, ohne Bedingungen, 24 Stunden am Tag. „Wir wollen explizit ein niedrigschwelliges Angebot sein“, sagt Schmidhuber.
 
Nach der Aufnahme gibt es dann ein sogenanntes „Basis-Clearing“. Dabei werden die wichtigsten Dinge geklärt: Hat die Frau eine Krankenversicherung? Hat sie ein Recht auf Unterstützung, zum Beispiel Hartz IV oder Unterhalt? Ist sie psychisch erkrankt oder suchtkrank? Wird sie von ihrem gewalttätigen Mann gesucht und muss deshalb in einem Frauenhaus in Sicherheit gebracht werden? Jede Frau wird einer Mitarbeiterin im Haus zugeordnet, die sich speziell um sie kümmert und versucht, mit ihr eine langfristige Wohnperspektive zu entwickeln.
 
Etwa die Hälfte der Frauen, die in Karla 51 unterkommen, hat eine Arbeit, sagt Schmidhuber. Doch selbst mit dem Mindestlohn können sich viele keine eigene Wohnung leisten. Von der Stadt ins Umland zu ziehen, ist jedoch oft auch nicht möglich, weil viele im Schichtdienst arbeiten und nachts dann nicht mehr nach Hause kommen.
 
In den ersten zehn Jahren hätten die 40 Zimmer einigermaßen ausgereicht, berichtet Schmidhuber. Wenn alle belegt sind, gibt es noch den Frauenschutzraum mit vier Betten, der mittlerweile in der Einrichtung der Lebensplätze in Milbertshofen-Am Hart angesiedelt ist. Ist auch der belegt, können die Bahnhofsmission oder im Winter auch das Kälteschutzprogramm als Ausweichquartiere genutzt werden. Der Kälteschutz läuft jedoch nur vom 1. November bis zum 31. März – im April stiegen deshalb die Anfragen in der Karla auch wieder deutlich an, sagt Schmidhuber.
 
Für die Zukunft wünscht sie sich deshalb dringend ein zusätzliches Quartier zum Haupthaus in der Karlstraße 51.
 
Neben der persönlichen Beratung durch die acht hauseigenen Sozialarbeiterinnen gibt es noch viele weitere Angebote in Karla 51, die auch Frauen von außerhalb nutzen können: Das Frauencafé, das fünfmal pro Woche geöffnet hat, bietet neben Frühstück oder warmem Mittagessen auch eine Kleiderausgabe, Wäsche waschen oder Duschen an. Einmal im Monat kommt eine Friseurin ins Haus sowie eine medizinische Fußpflegerin. Dienstags bietet eine Ärztin, donnerstags eine Psychiaterin Sprechstunden an. Außerdem stellt die Münchner Tafel immer wieder Lebensmittel zur Verfügung. „Das Café ist ein ganz wichtiger Baustein unserer Arbeit“, betont Schmidhuber. Viele Besucherinnen haben früher im Frauenobdach gewohnt. Ihnen bietet das Café nicht nur einen warmen Raum und ein günstiges Essen, sondern auch eine Tagesstruktur, ist Anlaufstelle mit sozialpädagogischer Beratung oder einfach Treffpunkt mit Freundinnen.
 
An diesem Dienstag sitzen hier zum Beispiel Margot, 63, und Olivia, 59, die sich während ihres gemeinsamen Aufenthaltes in der Karla 51 kennen gelernt haben. Beide haben mittlerweile eine Wohnung und zumindest eine Teilzeitarbeit gefunden – trotzdem kommen sie, so oft es geht, wieder hierher. Man trifft hier so viele nette Leute und bekommt ein günstiges Essen“, sagt Margot. „Ich wohne jetzt alleine“, erzählt Olivia. „Hierher komme ich, damit ich einfach mal reden kann.“
 
Imke Plesch


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