Dieses Haus ist mein Lichtblick

Seit die vielen Flüchtlinge nach München gekommen sind, ist es still geworden um die Armutszuwanderer, die während des Winters Obdach im Kälteschutz in der Bayernkaserne finden. Doch auf der Suche nach einer besseren Zukunft kommen nach wie vor viele nach München – und kämpfen hier täglich ums Überleben.

Wie beispielsweise Irena V. Die 49-Jährige liebt ihre Heimat Slowenien. Doch eine Zukunft gab es dort für sie und ihren Mann nicht. Dabei hat Irena V. schon in vielen Berufen gearbeitet: als Schneiderin, Verkäuferin, Krankenpflegerin. Doch irgendwann fand sie trotzdem keine Arbeit mehr. „Bei mir zuhause wird das immer schwieriger“, sagt sie. Auch ihrem Mann erging es nicht besser. Eine Bekannte erzählte ihr dann, dass sie in München Arbeit bekäme.

Um fünf Uhr morgens kam sie hier an, um zehn Uhr hatte sie einen Bewerbungstermin bei einer Reinigungsfirma, am gleichen Tag unterschrieb sie ihren ersten Vertrag. Sie arbeitete, wohnte bei ihrer Bekannten und holte dann ihren Mann nach. Auch er kam bei der Reinigungsfirma unter, die dem Paar auch eine kleine Wohnung zur Verfügung stellte.

Mit ihrem Gehalt konnten sie ihre erwachsene Tochter unterstützen, die in Slowenien geblieben ist – und auch arbeitslos ist. Alles schien gut, bis Irena V. nach eineinhalb Jahren plötzlich die Kündigung bekam. Kurz darauf auch ihr Mann. Mit dem Job verloren sie ihre Wohnung – und standen plötzlich auf der Straße. „Die erste Nacht haben wir in der U-Bahn geschlafen“, sagt sie. Dann erzählte ihnen jemand von „Schiller 25“.

Die Beratungsstelle des Evangelischen Hilfswerks im Bahnhofsviertel ist seit Ende 2013 zentrale Anlaufstelle für Armutszuwanderer aus EU-Ländern, die keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben. Im Winter organisiert die Einrichtung zudem die Einweisungen in die Kälteschutz-Räume. Das Angebot wird rege genutzt, in dem Raum an der Ecke Schiller-/Landwehrstraße herrscht schon am frühen Morgen starker Betrieb.

Neun Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kümmern sich derzeit um die Menschen, die vor allem aus Rumänien oder Bulgarien kommen. Sie sollen klären, ob und welche Perspektiven sie hier haben, was sie brauchen. Es geht um Deutschkurse, Bewerbungen, „aber auch um viele andere Themen von der Krankheit bis zur Wohnungslosigkeit“, sagt Einrichtungsleiterin Andreea Untaru. Allein im vergangenen Winter betreute sie mit ihrem Team rund 1.400 Alleinstehende und Paare – fast 80 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.

Für Irena V. und ihren Mann war die Beratungsstelle „unsere Rettung“, sagt sie und ihre Augen beginnen zu glänzen. „Wir standen vor dem Nichts und haben kurzzeitig überlegt, aufzugeben.“ Über Schiller 25 bekamen sie Gutscheine für Essen und einen Schlafplatz in unterschiedlichen Notunterkünften; die Berater halfen zudem, einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen, auf das die 49-Jährige nach eineinhalb Jahren Arbeit Anspruch hatte. Es ging bergauf. Das Ehepaar bekam ein gemeinsames Notquartier der Stadt. Zudem hat Irena V. für ihren Mann im Internet eine Stelle bei einem Sicherheitsdienst aufgetan – die er auch bekam. „Wir wollen doch nur ganz normal hier leben und arbeiten“, formuliert Irena V. ihre Wünsche.

Ein Wunsch, den Radu M. nur zu gut nachvollziehen kann. Auch er wünscht sich nichts mehr als Normalität. Vor etwas mehr als einem Jahr war er aus Rumänien nach München gekommen auf der Suche nach Arbeit und einem Neuanfang. Innerhalb kürzester Zeit waren seine Frau, sein Bruder und seine Mutter gestorben. Die Haare des 48-Jährigen waren vor Kummer plötzlich grau geworden.

Eine Freundin erzählte ihm von München, und dass es dort Arbeit gebe. Die gibt es auch – gerade bei Reinigungsdiensten oder im Baugewerbe werden ausländische Kräfte gerne genommen –, oft aber zu Bedingungen, die kein Deutscher akzeptieren würde. Auch Radu M. hatte Glück – zumindest wie er anfangs dachte: Immer wieder wurde er auf Baustellen geholt.

Man sprach ihn im Bahnhofsviertel an, ob er Arbeit suche, versprach ihm einen festen Vertrag – doch immer blieben es leere Versprechungen.

Radu M. will jetzt erst einmal einen Deutschkurs machen. „Die Chancen sind dann einfach besser“, hofft er. Auch wenn das bedeutet, dass er in der Zwischenzeit nicht arbeiten kann. Mit allen Konsequenzen: kein Geld fürs Arbeiterwohnheim – und wenn den Sommer über die Kälteschutzräume zu sind: Übernachten unter Brücken oder Treppen, Armenspeisung und Duschen im Kloster St. Bonifaz.

„In Rumänien gibt es solche Hilfen gar nicht, das ist schon eine große Erleichterung“, sagt Radu M. und reibt seine kräftigen Hände aneinander. Vor allem „Schiller 25“ sei ein Lichtblick. „Seit ich hierher komme, ist mein Leben besser geworden“, sagt er und lächelt zum ersten Mal kurz.

Die Mitarbeiter haben auch einen Arztbesuch organisiert, als seine Magenschmerzen einmal so schlimm wurden, dass er es fast nicht mehr aushielt. „Die vielen Sorgen...“, sagt Andreea Untaru.

„Ich will arbeiten, nicht um reich zu werden, sondern um hier leben zu können“, sagt er. Er fühlt sich wohl in München, hat schon viele Kontakte geknüpft. Zurück will er nur, wenn gar nichts klappt.

„Die Leute haben eine unglaubliche Motivation und Kraft“, sagt Andreea Untaru. Auch wenn das Leben hier hart sei – zurück in die Heimat gehe kaum jemand. Die 37-Jährige weiß genau, wovon sie spricht: Sie stammt selber aus Rumänien. „Dort gibt es noch weniger für sie als hier.“   

Doris   Richter

 


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