Das Trauma der Tat durchbrechen

Die seit zehn Jahren in München arbeitende Fachambulanz für Sexualstraftäter hat wesentlich zu einer Reduzierung von Wiederholungstaten geführt: Während in der Vergleichsgruppe 39 Prozent rückfällig wurden, waren es in der Therapiegruppe mit lediglich 14 Prozent signifikant weniger. Der bayerische Justizminister Winfried Bausback dankte dem Träger, dem Evangelischen Hilfswerk, und den Mitarbeitenden der Fachambulanz im Rahmen eines Festaktes: „Sie haben meinen vollsten Respekt und meine Bewunderung, weil Sie nicht nur einen gesellschaftlich wichtigen Beitrag zur Resozialisierung leisten, sondern auch ein ganz mutiges Werk mit unglaublichem Engagement.“

Mit der Einrichtung der Fachambulanz vor zehn Jahren habe der Freistaat „einen sehr wichtigen Meilenstein“ in der ambulanten Nachsorge von entlassenen Gewalt- und Sexualstraftätern gemacht. Bayern sei zwar „das sicherste Land in Deutschland“, dennoch seien „brutale Verbrechen immer wieder entsetzliche Realität“, so der Minister. Der beste Schutz der Bevölkerung vor Rückfalltaten sei die erfolgreiche Resozialisierung der Täter; mit Überwachung allein sei es nicht getan. Man müsse vielmehr versuchen, mögliche Ursachen einer Tat zu ergründen und sie für die Zukunft auszuschalten. Bausback wörtlich: „Täter dürfen keine Täter bleiben.“

Der Freistaat finanziert neben der Münchner Einrichtung noch Fachambulanzen in Nürnberg und Würzburg. Demnächst geht eine Einrichtung in Memmingen mit der Arbeit, in Landshut und Kulmbach sollen weitere Anlaufstellen entstehen. Und er lässt sich diese Arbeit etwas kosten: Allein die Münchner Ambulanz erhält derzeit eine jährliche Finanzierung in Höhe von 1,7 Millionen Euro.

Markus Feil, Leiter der Fachambulanz, berichtete davon, dass es in den zehn Jahren keinen einzigen Zwischenfall in der Ambulanz gegeben habe: „Obwohl wir ein Ort sind, an den die Gewalt täglich kommt, haben wir unseren Notfallknopf noch nie betätigen müssen“. Im Laufe der zehn Jahre habe sich der Umfang der Arbeit nicht nur stark ausgeweitet, auch das Konzept habe sich verändert und sei insgesamt niedrigschwelliger geworden. „Wir haben viel aus dem uns umgebenden Netzwerk gelernt – und auch von unseren Probanden.“ Kritisch sei, dass es für die Klienten zu wenig Wohneinrichtungen gebe: „Da bräuchten wir viel mehr davon.“

Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission und Mit-Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, sagte, dass es vor der Errichtung der Ambulanz auch interne Diskussionen gegeben habe, ob die Fachambulanz möglicherweise imageschädigend sei. Aus christlicher Sicht habe man sich dafür entschieden, denn Menschen dürften nicht allein auf ihre Taten oder Straftaten reduziert werden: „Wir haben es immer noch mit Menschen zu tun, die trotz allem ihre Würde haben.“

Gleichzeitig warnte Bauer davor, das Recht der Mehrheitsmeinung anheim zu stellen: „Ein Rechtsstaat, der sich situativ dem Mehrheitswillen unterwirft, läuft Gefahr, keine Rechtsstaat mehr zu sein.“ Gleichzeitig mahnte der Pfarrer, dass den Maßnahmen des Rechtsstaates auch Maßnahmen des Sozialstaats folgen müssten, damit die Resozialisierung erfolgreich zu Ende geführt werden könne. Betroffen seien auch die Angehörigen von Opfern und Tätern: „Viele Kollateral-Opfer sind mit eingebunden in das Trauma der Tat.“ Die Fachambulanz leiste deshalb eine „höchst präventive Arbeit“.

Klaus Honigschnabel


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