31.03.2010 - Gelebte Ökumene am Gleis 11

Münchner Hauptbahnhof, Gleis 11: Auf einer unscheinbaren weißen Tür mit Glasfenstern klebt ein blaues Schild: das gemeinsame Logo der katholischen und evangelischen Bahnhofsmission. Hinter der Tür befinden sich auf 133 Quadratmetern ein Aufenthaltsraum mit Holzbänken, Tresen und bunten Bildern an der Wand, eine Küche, ein langer Gang, ein Sanitärraum mit Waschmaschinen und drei Beratungsbüros – und viel Geschichte über die kleinen und großen Schritte auf dem Weg zur ökumenischen Zusammenarbeit.

Denn in München begannen bereits 1897 die Frauen des Vereins „Freundinnen junger Mädchen“ mit der Arbeit der Evangelischen und der „Marianische Mädchenschutzverein“ mit dem Betrieb der Katholischen Bahnhofsmission. Ökumenische Zusammenarbeit fand schon in der Anfangszeit statt.

1910 wurde dann die heutige Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland (KKBM) ins Leben gerufen, in der die Kooperation zwischen evangelischer und katholischer Seite eine offizielle Form fand. Damit entstand die erste und somit älteste ökumenische Struktur auf dem Gebiet der offenen sozialen Arbeit, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Den Schutz junger Frauen hatten sich die Bahnhofsmissionen am Anfang auf die Fahne geschrieben: Durch die Industrialisierung kamen immer mehr junge Frauen – meist mit naiven Vorstellungen – in die Städte. Oft wurden sie schon am Bahnhof angesprochen und mit unseriösen Angeboten in Gastronomie, Privathaushalten oder in der Prostitution angeworben.

Die ökumenische Zusammenarbeit hatte ihre Grenzen: 1928 existierten noch vier Bahnhofsmissionen in vier Pavillons: der „Marianische Mädchenschutzverein“ für katholische Frauen, der „Verein der Freundinnen junger Mädchen“ für evangelische Frauen, die Innere Mission für evangelische Männer und die Caritas für katholische Männer.

Auf Bitte der Stadt, die Anlaufstellen zusammenzulegen, beschloss man eine engere Kooperation über religiöse Grenzen hinweg: Nun gab es einen Bahnhofsdienst für evangelische und katholische Männer sowie eine Bahnhofsmission für evangelische und katholische Frauen.

Der Hauptbahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg total zerstört.
1950 zogen beide Organisationen in den Neubau des Hauptbahnhofes ein – und teilten sich den Warteraum. Von dort führten allerdings zwei Türen in die konfessionell getrennten Büro- und Beratungsräume. Erst als der Hauptbahnhof 1990 umgebaut wurde, bezogen beide Teams die vergrößerten Räume am Gleis 11 in ihrer heutigen Form mit gemeinsam genutzten Zimmern.

Das Büro am Ende des Ganges – und den großen Schreibtisch darin – teilen sich heute die Leiterinnen der Evangelischen und der Katholischen Bahnhofsmission: Gabriele Ochse vom Evangelischen Hilfswerk und Andrea Sontheim von InVia-Katholische Mädchensozialarbeit. „Ökumene ist für mich ein Miteinander und nicht ein Neben- oder Gegeneinander“, sagt Gabriele Ochse. „Im Endeffekt geht es darum, praktisch und konkret zusammen zu arbeiten, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen.“ Dabei helfe gerade räumliche Nähe und der tägliche Kontakt dabei, die Abläufe und Entscheidungen der Partnerorganisation besser zu verstehen. „Ich interessiere mich jetzt mehr dafür, was in der Evangelischen Kirche los ist“, hat Andrea Sontheim festgestellt.

Doch auch wenn mittlerweile alle Besucher die Bahnhofsmission durch eine Tür betreten, die Hilfeangebote nach gemeinsamen Standards erfolgen und Gabriele Ochse und Andrea Sontheim an einem Tisch sitzen, ist die Struktur hinter den Kulissen noch immer parallel: Es gibt zwei Träger, zwei Teams, zwei Finanzhaushalte. „Das ständige Absprechen bindet schon viel Energie und Ressourcen“, findet Gabriele Ochse.

Die Koordination sei auch für die Leiterinnen eine Herausforderung: „Wir haben Gott sei Dank zu vielen Themen eine gemeinsame Meinung und eine ähnliche persönliche Einstellung“. Und die doppelte Trägerschaft hat auch ihre Vorteile. „Für uns ist es ein Gewinn, dass wir mehr Personal haben und mehr Leute ansprechen können, weil wir in beide Kirchen vernetzt sind“, ergänzt Andrea Sontheim.

Das christliche Menschenbild sieht Gabriele Ochse als vereinendes Element bei der praktischen Arbeit, „obwohl wir nicht täglich darüber reden.“ Darauf nehmen auch das Konzept und das Leitbild, die seit vielen Jahren für alle Bahnhofsmissionen gelten, Bezug: „Gott nimmt jeden Menschen an, vor jeder Leistung, auch im Scheitern und in Schuld und verleiht ihm damit eine unverfügbare Würde“, steht dort geschrieben.

Gabriele Ochse übersetzt das in die Praxis so: „Bei uns sind alle Besucher und Ehrenamtliche – egal welcher Religionszugehörigkeit – willkommen.

Während des Ökumenischen Kirchentages feiert die Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland am 13. Mai um 18 Uhr mit einem Festgottesdienst auf dem Marienplatz das 100-jährige Bestehen der Ökumenischen Bahnhofsmissionen.

Isabel Hartmann

Ökumenische Bahnhofsmission seit mehr als 100 Jahren


zurück