29.06.2011 - Aus für den Leitstern der Münchner Wohnungslosenhilfe?

Das bundesweit einzigartige Frauenobdach    Karla 51 muss derzeit um seine Zukunft bangen: Das von der Einrichtung genutzte Gebäude in der Münchner Innenstadt wurde nach 15 Jahren vom Eigentümer vollkommen überraschend verkauft. Bei der Landeshauptstadt München, die als Mieter fungiert und das Gebäude dem zum Evangelischen Hilfswerk (EHW) gehörenden Frauenobdach überlässt, ist bereits eine Kündigung zum 15. November dieses Jahres eingegangen.

EHW-Geschäftsführer Gordon Bürk ist fassungslos über das Vorgehen des bisherigen Eigentümers, der Bayerischen Beamten Versicherung: „Wir nutzen das Haus seit 15 Jahren und es gab nie Probleme. Ich verstehe nicht, wieso da vor dem Verkauf niemand mit uns geredet hat.“ Bürk ist sichtlich geschockt über den Verkauf, der den Fortbestand des „Leitsterns der Münchner Sozialarbeit für obdachlose Frauen“ derzeit bedroht. Sollte sich das Aus für Karla 51 nicht abwenden lassen, entstünde ein „enormer sozialer Flurschaden“.
Für die Erweiterung des Cafés hat das Hilfswerk erst vor vier Jahren rund 170.000 Euro investiert; der Eigentümer hatte sogar eine Spende dazu gegeben. Man wisse deshalb auch, um was für ein sensibles Klientel es sich bei den derzeitigen Bewohnerinnen handelt. Bürk: „Frauen, die bereits obdachlos waren und bei uns ein schützendes Dach über dem Kopf gefunden haben, sollen kurz vor dem Winter erneut auf die Straße geschickt werden – das ist für mich nicht hinnehmbar.“
Auch die Stadt München ist über die Kündigung sprachlos. Sozialreferentin Brigitte Meier sagte, für die Kommune sei es „unendlich schwierig“, in so kurzer Zeit ein Ersatzobjekt zu finden. „Im schlimmsten Fall müssten die Frauen von Karla 51 ausziehen – was eigentlich völlig unmöglich ist.“ Die Einrichtung sei „nicht irgendeine Unterkunftsanlage, sondern die Anlaufstelle im Münchner Hilfesystem für obdachlose Frauen“. 
Rudolf Stummvoll, Leiter des Amtes für Wohnen und Migration, wies auf die derzeit wieder steigende Anzahl wohnungsloser Menschen in München hin: Innerhalb eines Jahres verzeichnete seine Behörde eine Zunahme von 1.800 auf 2.200 Personen. Ein Objekt wie Karla 51 mit 40 Plätzen in zentraler Lage finde man nicht ohne weiteres. „Der ganze Vorgang hat mich atemlos gemacht; wir haben auch keinen ‚Plan B’ in der Tasche.“
Für Isabel Schmidhuber, Leiterin von Karla 51, stellt ihr Haus eine schlichtweg „unersetzliche Anlaufstelle“ für Frauen dar, die das Leben auf die Straße verschlagen hat. „An 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr nehmen wir sie auf und beraten sie. Hier können sie sich waschen, bekommen ein preisgünstiges Frühstück oder Mittagessen und bei Bedarf etwas zum Anziehen und haben eine Rückzugsmöglichkeit. Die Kündigung ist eine Katastrophe.“
Derzeit wohnen nach Schmidhubers Angaben im Haus 40 Frauen – zwei von ihnen sind derzeit schwanger – sowie zwölf Kinder. Zudem nutzen an fünf Tagen in der Woche rund 60 Frauen das Café von Karla 51 als Anlauf- und Beratungsstelle. Sozialpädagoginnen unterstützen sie, wenn ihnen beispielsweise eine Stromsperre droht oder wenn sie ein amtliches Schreiben nicht verstehen.
„Unsere Einrichtung ist nötiger denn je“, sagt Isabel Schmidhuber. Auch nach ihrer Beobachtung steigt in München derzeit die Wohnungslosigkeit – täglich gebe es etwa fünf Anfragen von Frauen, die in ihre Einrichtung einziehen wollen. Sie ist sehr skeptisch, ob sich ein anderes, zentral gelegenes Haus auf die Schnelle finden lässt. Angesichts explodierender Mietpreise hätte ein sozialer Träger da auch kaum eine Chance. Doch die Hoffnung, dass der derzeitige Standort doch noch erhalten bleiben kann, wollen weder Gordon Bürk noch Isabel Schmidhuber aufgeben.
Für den Fortbestand von Karla 51 am bisherigen Standort in der Karlstraße setzt sich auch Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch ein, die das Haus gut kennt und als Patin auch finanziell unterstützt. Zuletzt hat sie 25.000 Euro, die sie bei Günther Jauch gewonnen hatte, für die Arbeit gespendet.
Das Credo der Doppel-Olympiasiegerin: „Ich hoffe, dass der neue Besitzer ein Herz hat und das Haus wieder an die Stadt München vermietet, damit die Arbeit in Karla 51 weitergehen kann.“ Sie selbst sei ganz begeistert von der wichtigen Arbeit, die hier gemacht werde. „An Karla 51 hängt mein Herz – und auch das vieler anderer Unterstützer.“

Klaus Honigschnabel

Der Fortbestand des Frauenobdachs Karla 51 ist durch eine Kündigung bedroht.


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