28.12.2015 - Endlich eine feste Adresse

Ein bisschen versteckt auf einem ruhigen Grundstück in Schwabing liegt das Pfarrhaus der Kreuzkirche. Der zweistöckige quadratische Bau ist nicht besonders groß ? doch vorne am Eingangstor zum Grundstück klebt ein langer Zettel mit vielen Namen. Sechs Familien haben den Sommer über hier ein neues Zuhause gefunden. 

Als zum 15. April das Kälteschutzprogramm des Evangelischen Hilfswerks für den vergangenen Winter endete, das wohnungslosen Menschen Schlafplätze in Pensionen und der Bayern-Kaserne vermittelt, konnten nicht alle obdachlosen Familien über das Wohnungsamt untergebracht werden. Denn Familien mit einer EU-Staatsangehörigkeit oder einem Aufenthaltsstatus eines anderen Landes haben normalerweise erst dann Anspruch auf einen Wohnungszuschuss, wenn sie mindestens fünf Jahre in Deutschland gelebt und auch eine gewisse Zeit gearbeitet haben. 

„Damit diese Familien auch im Sommer nicht auf der Straße schlafen mussten, haben wir nach dem Ende des Kälteschutzprogramms eine Lösung für sie gesucht“, erläutert Andrea Betz, bis vor Kurzem als Bereichsleiterin beim Evangelischen Hilfswerk zuständig für „FamAra“, eine Hilfswerk-Einrichtung, die sich um wohnungslose Familien aus der EU kümmert.  

In dieser Situation bot die Schwabinger Kreuzkirche ihr renovierungsbedürftiges Pfarrhaus zur Zwischennutzung als Unterkunft an. Das Hilfswerk zahlte einen monatlichen Betrag an die Gemeinde für die Ausgaben des Hauses. „Das war ein großer Vertrauensvorschuss der Gemeinde“, sagt Asja Döring, Mitarbeiterin bei FamAra. „Anders als im Kälteschutzprogramm durften die Familien hier zusammen wohnen und wurden nicht nach Geschlechtern getrennt untergebracht.“ 

Sechs Familien aus Rumänien, Portugal, Spanien und Italien zogen schließlich ins Pfarrhaus, darunter auch zwei ursprünglich marokkanische Familien, die jedoch seit Jahren die italienische und spanische Staatsbürgerschaft haben. „Obwohl bei einigen Familien ein Elternteil arbeitet, konnten sie bisher in München keine bezahlbare Wohnung finden“, erklärt Orsolya Tompai, Leiterin von FamAra. 

Im Pfarrhaus bewohnte jede Familie gemeinsam ein kleines Zimmer; Bad und Küche teilten sich alle Bewohner. Einen Teil der Möbel hatte ihnen der Pfarrer überlassen, die Stockbetten kamen leihweise aus den Kälteschutzzimmern der Bayern-Kaserne. Auch ein kleiner Garten gehört zum Haus, in dem die Kinder spielen konnten. Bei benachbarten Studenten konnten die Familien ihre Wäsche waschen, da es im Haus keine Waschmaschine gab; die Münchner Tafel half mit Lebensmitteln.  

Eine feste Adresse zu haben, sei für die Menschen sehr wichtig, um Arbeit zu finden, erläutert Andrea Betz. Auch den Kindern hilft ein ? wenn auch nur vorübergehendes ? Zuhause, um sich gesundheitlich zu stabilisieren und zu integrieren. Im hellen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Hauses fand der Tagesaufenthalt von FamAra statt. Dabei kochten Ehrenamtliche gemeinsam mit den Familien, unterstützten die Eltern und halfen den Kindern bei den Hausaufgaben oder beim Deutschlernen.  

„Die Familien haben hier ein Gefühl von Heimat entwickelt“, sagt Asja Döring. „Sie sind angekommen, haben sich einen Bekanntenkreis aufgebaut und konnten sich besser integrieren.“ Bei einem Gottesdienst im Sommer bedankten sich die Familien bei der Kreuzkirchengemeinde für die großzügige Unterstützung.  

Doch mit dem Beginn des Kälteschutzprogramms für den kommenden Winter am 1. November endete auch die Nutzung des ehemaligen Pfarrhauses, das bald abgerissen werden soll. Diejenigen Familien, die während des Sommers keine Wohnung finden konnten, müssen nun wieder in der Bayern-Kaserne übernachten ? allerdings nicht mehr gemeinsam, sondern wieder nach Geschlechtern getrennt. Der Tagesaufenthalt von FamAra findet jedoch weiterhin statt, nun in der Orleansstraße 15.  

Imke Plesch

Die Schwabinger Kreuzkirche hat im Sommer sechs wohnungslosen Familien ein Dach über den Kopf geboten.


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