28.05.2016 - Schenken und beschenkt werden

Im Münchner Großstadtgewimmel halte ich kurz inne und nehme die Menschen wahr. Eine Gruppe junger Männer steht vor einem blauen Eckhaus, einer nach dem anderen tritt hinein. Ich sehe genauer hin, „Schiller 25 – Migrationsberatung Wohnungsloser“ steht auf einem Schild. Auch ich gehe durch die Tür und werde von einer jungen Frau begrüßt „Was kann ich für Sie tun?“

 
Während des laufenden Parteienverkehrs darf ich Fragen stellen. Die Antworten höre ich, aber vor allem sehe ich sie ,live und in Farbe'. Es gefällt mir, wie wertschätzend und umsichtig alle miteinander umgehen. Die respektvolle, tatkräftige und fröhliche Art der fleißigen Mitarbeitenden gibt den Ausschlag, gerne mitmachen zu wollen. ,Ich möchte hier ehrenamtlich arbeiten und mithelfen', sage ich. Die Antwort am Ende des Gesprächs kommt sehr offen: ,Du bist willkommen!' 
 
Das ist auch das Credo der Einrichtung Schiller 25 - und wird tagtäglich gelebt. Auf Worte folgen Taten, wir lernen uns kennen, ich werde in den Räumlichkeiten herumgeführt und erfahre mehr über wichtige Basisthemen. Wir sprechen unsere gemeinsamen Werte an. Das überzeugt mich. Gerade das Klare und Konkrete. Schwuppdiwupp bin ich bei der informativen Einführung zum Thema Kälteschutzprogramm und dessen administrativen Aufgaben - wichtig für mich als zukünftige Helferin hinter dem Frontoffice. Ab dem Zeitpunkt bin ich ein Teil des Ehrenamt-Teams von Schiller 25. 
 
Hier kann ich kurzfristig helfen, indem ich einen kleinen bürokratischen Akt ausübe: Ich stelle unkompliziert individuelle Berechtigungen zum Übernachten an einem warmen Ort aus - eine Situation, die sich in der Schillerstraße 25 tagtäglich wiederholt. Dadurch bekommen viele Menschen einen kurzen Moment Erleichterung. Vor meiner Tätigkeit hier wusste ich nicht, dass es in München für alle finanzierte gesicherte Übernachtungsmöglichkeiten gibt - ohne ,Wenn und Aber'. Und nun unterstütze ich aktiv Obdachlose. 
 
Papiertechnisch ist alles soweit klar. Mein Gegenüber reicht mir sein Wertvollstes: seinen Ausweis. Und seine Aufmerksamkeit. Ich begrüße ihn, nehme das Dokument und beginne mit der Anmeldung für die Notschlafstelle. Alles läuft, die Erstellung der Übernachtungsscheine klappt sehr schnell, das Ziel ist erreicht. Zwischenmenschlich, während des Vorganges, spüre ich oft einen schnellen Blick - er erreicht mich innen wie außen. 
 
Nachdem ich die Dokumente registriert und überprüft habe, setze ich schwungvoll den offiziellen Stempel auf das Papier und reiche es über den Tresen. Der Mensch nimmt das Papier, schiebt es schnell in seine Tasche und sieht mich über den Tresen hinweg nochmal an. Dann dreht er sich rasch weg, um in die Welt hinauszugehen. Nochmal ein kurzer geschenkter Blick. 
 
Wirklich überraschend für mich ist das Gefühl der Freude am ehrenamtlichen Dienst. Man spürt diese Freude vor, während, aber vor allem nach der Arbeit. Noch tiefer empfinde ich das Staunen, wer alles vor uns steht. Zu den Obdachlosen hatte ich bisher eher eine ,Huschblick-Beziehung': Ich sah sie, sah sie aber auch nicht. Persönlich kannte ich vorher keinen. 
 
Seit meiner Aufgabe bei Schiller 25 sehe ich sie in ihrem ganzen Sein. Jeden einzelnen besonderen wertvollen Menschen. Vorurteile? Enge Sichtweise? Helfersyndrom? Alles Quatsch! Das echte bunte Leben ruft, legt seinen Ausweis auf den Schiller- Empfangstresen und will gelebt werden. Und überrascht immer wieder."

 

Maja Demirovic hilft ehrenamtlich bei Schiller 25-Migrationsberatung Wohnungsloser mit.


zurück