27.06.2011 - Das Projekt 1-2-3 Wohnen Beratung Betreuung für Männer

Seit Oktober 2010 gibt es das Projekt „1-2-3 Wohnen Beratung Betreuung“ bei der Teestube „komm“,einer Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks. Derzeit kümmern sich vier Sozialpädagogen um zwölf psychisch kranke oder suchtkranke Männer, die in ihrer eigenen Wohnung leben. Die Klienten sind unter anderem Alkoholiker, haben Depressionen oder drohen in der eigenen Wohnung zu verwahrlosen – oft kommen mehrere Krankheiten zusammen. Einer von ihnen – Friedrich Althausen* – erzählt von seinem Weg ins „1-2-3-Projekt“.

Ich bin 57 Jahre alt und seit meinem 39. Lebensjahr Frührentner. Ich habe chronische Arthritis, geschädigte Gelenke, Asthma, Probleme mit den Augen. Eigentlich stamme ich aus Köln, lebe aber seit acht Jahren in München. Früher war ich wohlhabend. Ich bin gelernter Glasgraveur, Keramiker und Bildhauer und habe im Betrieb meiner Eltern gearbeitet. Ich bin dann ins Ausland gegangen, habe lange Jahre in Holland, Portugal und auf den Kanaren gelebt.

In München wollte ich eigentlich bei einer Freundin wohnen, sie hat aber schwer Krebs bekommen. Ich bin dann ins städtische Unterkunftsheim in der Pilgersheimer Straße gezogen. Das war ein Kulturschock: Damals noch vier Mann in einem Zimmer, die Leute total abgedreht, viele Alkoholiker. Über ein halbes Jahr habe ich dort gewohnt. Als dann der Frühling kam, hat es mir gereicht. Es war warm und ich war es gewohnt, draußen zu sein. Da hab ich Platte gemacht. Irgendjemand hat mir von der Teestube erzählt, dass man da duschen und Wäsche waschen kann, also bin ich da hin. 
Als es nicht mehr ging mit dem Obdachlosenleben, hat mir eine Sozialarbeiterin einen Platz in einer Notunterkunft besorgt. Ich habe mehrere Jahre in Wohnheimen gewohnt, später bei einem Freund. Zusammen mit einem Typen habe ich einen gebrauchten Transporter gekauft und versucht, mit Kurierfahrten etwas Geld dazuzuverdienen. Bis nach Triest bin ich gekommen. Aber der Transporter hatte schlimme Defekte, und mein Kumpel war massiver Alkoholiker. Seit den Kurierfahrten habe ich Schulden, musste einen Offenbarungseid leisten; aber ich konnte auch körperlich nicht mehr. 
2008 wurde ich in das Programm „Unterstütztes Wohnen“ der Teestube aufgenommen. Da sich herausstellte, dass ich noch intensivere Unterstützung benötige, bin ich froh, dass ich nach zwei Jahren in das neue „1-2-3-Projekt“ wechseln konnte. Dank dieser Maßnahmen kann ich selbständig wohnen, habe aber Unterstützung, wenn ich sie brauche – etwa wenn es mir schlechter geht. Da habe ich dann immer jemanden, der für mich da ist. Die Sozialarbeiter helfen mir auch, Bankangelegenheiten zu regeln; sie haben mir eine Haushaltshilfe organisiert und kommen regelmäßig vorbei, um zu sehen, wie es mir in der Wohnung geht. Wenn ich zur Tafel fahre, um Lebensmittel abzuholen, begleitet mich jemand und hilft mir beim Tragen.
Jeden Donnerstag gehe ich zur Teestube zum Frühstück, und manchmal machen wir einen Ausflug. Und ich muss sagen, obwohl ich im vergangenen Jahr sechs Mal operiert werden musste, komme ich langsam wieder auf die Beine. Ich kämpfe. Ich bin ein harter Brocken.
Protokoll: Susanne Hagenmaier
* Name von der Redaktion geändert

 

Seit Oktober 2010 gibt es das Projekt bei der Teestube "komm".


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