26.06.2011 - Schritte in die eigenen vier Wände

Wohnungslose Frauen sind in unserer Gesellschaft meist unsichtbar. Viele kaschieren aus Scham, dass sie keine Wohnung haben: Sie schlüpfen bei Bekannten unter, fahren nachts U-Bahn, weil sie keinen Platz zum Schlafen haben. Dabei tragen sie oft ein ganzes Paket an Problemen mit sich, zum Beispiel Armut, Langzeitarbeitslosigkeit, Schulden oder körperliche Beschwerden. Und: Statistisch gesehen entwickeln wohnungslose Frauen fast viermal häufiger eine psychische Krankheit als Frauen mit Wohnung. 

Deshalb hat der Evangelische Beratungsdienst vor zehn Jahren das Projekt 1-2-3 Wohnen Beratung Betreuung ins Leben gerufen. Sechs Sozialpädagoginnen begleiten wohnungslose Frauen mit psychischen oder Suchtproblemen intensiv auf dem Weg in eine eigene Wohnung – ein Weg, zu dem viele kleine Schritte gehören. 
Dabei geht es den Mitarbeiterinnen erst einmal darum, den Frauen eine eigene Wohnung zu vermitteln. Zwischenstation ist für fast alle Klientinnen zunächst das Wohnheim in der Heßstraße oder eine Betreute Wohngemeinschaft.
Ein weiterer Schritt ist, die soziale Situation der Frauen zu stabilisieren: Die 1-2-3-Mitarbeiterinnen helfen, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe zu beantragen – oder auch die Wohnung einzurichten. Sie geben Tipps zur Haushaltsführung, beraten bei Schulden und Gesundheitsfragen. Und sind Ansprechpartnerinnen für unzählige Fragen: Wie gehe ich mit meinen Kindern um, wenn diese in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht sind? Wo finde ich Arbeit? Was für Qualifizierungsmaßnahmen gibt es?
Dabei entsteht sehr langsam ein Vertrauensverhältnis zwischen den Mitarbeiterinnen und den Klientinnen – die Basis, um auch über die psychischen Probleme der Frauen zu sprechen. Die meisten von ihnen leiden an (komplexen) posttraumatischen Belastungsstörungen, gefolgt von Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Auch typisch für wohnungslose Frauen: Sie ha-ben oft mehrere psychische Erkrankungen. 
Häufig haben sie anfangs keine Krankheitseinsicht, so dass ihre psychischen Störungen erst einmal nicht behandelt werden. Seit 2006 arbeitet der Evangelische Beratungsdienst eng mit der Psychiatrischen Institutsambulanz des Isar-Amper-Klinikums zusammen. Alle zwei Wochen hält eine Fachärztin im Wohnheim in der Heßstraße eine Sprechstunde ab, damit die Frauen diese Hilfe möglichst leicht annehmen können.
In den vergangenen zehn Jahren haben die Mitarbeiterinnen 62 Frauen im Rahmen des „1-2-3-Projektes“ intensiv begleitet – viele davon über mehrere Jahre. Vor Krisen können sie sie nicht ganz schützen, aber sie haben ihr eigenes Krisenmanagement entwickelt, wissen, wie sie sich in Problemsituationen verhalten können und wo sie Hilfe bekommen. Von den Frauen ist keine wieder in die Wohnungslosigkeit gerutscht. 
Trotzdem sind noch nicht alle Schritte gegangen: Viele Klientinnen sind völlig vereinsamt – der Fernseher ist für sie oft der einzige Alltagsbegleiter. Und: Zwei Drittel von ihnen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung und auch wenig Möglichkeiten, eine solche nachzuholen. Deshalb ist der Ausbau von Tagesstätten für psychisch kranke, wohnungslose Frauen dringend nötig. Damit sie dort – in einem geschützten Rahmen – Kontakte knüpfen, ihren Tag strukturieren und eventuell auch Beschäftigung finden können. Und so ihren Weg ein Stückchen weiter in unsere Gesellschaft zurück finden.
Nadja Dobesch
 

Der Evangelische Beratungsdienst hilft wohnungslosen, psychisch kranken Frauem.


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