25.08.2012 - Hilfe auf dem Weg in die Freiheit

Im Treppenhaus des Bodelschwingh-Hauses in der Münchner City, einer Einrichtung der Straffälligenhilfe des Evangelischen Hilfswerks München, sind künstlerische Arbeiten der Bewohner ausgestellt. Einige geben besonders gut wieder, wie sich jemand fühlt, der Jahre hinter Schloss und Riegel saß und nun ein Leben in Freiheit gestalten muss und will. Auf einer rechteckigen Leinwand hat ein ehemaliger „Knacki“ drei Scherben einer zerbrochenen Tasse platziert und dunkel wie den Hintergrund angemalt. Hinzugefügt hat er aber zwei in sich verschlungene Perlenketten. 

Bei näherem Hinsehen entpuppen sich ihre Elemente als Kaffeebohnen. Das zerbrochene Gefäß und die „Perlen“ an einer Schnur. Wahrscheinlich symbolisieren sie die Erinnerungen und Hoffnungen eines Menschen, der sich Rechenschaft abgibt und sich bemüht, ein gelingendes Leben zu führen. "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit", hat Friedrich Schiller einmal formuliert.

Das Bodelschwingh-Haus ist eine Traditionseinrichtung in München; Mitte Juni feierte es sein 50-jähriges Bestehen. Sozialpädagoge Ronald Laure (34), der die Einrichtung seit drei Jahren leitet, sagt: „Jeden Straftäter, der unser Angebot annimmt – ganz gleich, welche Straftat er begangen hat – den sehen wir als Mensch, der Hilfe braucht.“ Deshalb haben sie im Haus auch einen Bewohnerbeirat eingerichtet als „Sprachrohr“ der Männer. „Wir haben festgestellt, dass viele unserer Bewohner ihre Straftaten begangen haben, weil sie nicht gehört oder wahrgenommen wurden.“

Laure liebt seine Arbeit. Das ist aus jedem seiner Worte herauszuhören. Er hat – anders als die meisten seiner Klienten – eine behütete Kindheit erlebt, war als junger Mann aktiv in der kirchlichen Jugendarbeit. Aus seiner Familie hat er einen Leitsatz übernommen, der ihm auch heute bei der „gewiss nicht leichten Arbeit“, wie er sagt, weiter hilft: „Wenn etwas zu tun war in der Familie, wurde es angepackt, egal, was es war. Und so handeln wir auch im Bodelschwingh-Haus“.

Ein  motiviertes Team von sieben Sozialpädagogen, Arbeitsanleitern und anderen Mitarbeitern, die sich beständig fortbilden, sorgt sich um die rund 80 Klienten, die pro Jahr betreut werden. In fünf Wohngruppen werden jeweils sieben ehemalige Häftlinge, die sich in ihre Einzelzimmer zurückziehen können, zu sinnvoller Tagesgestaltung angehalten. Jede Gruppe hat eine feste Bezugsperson; derzeit sind das im Haus vier Frauen und drei Männer.

Die meisten Bewohner gehen einer Arbeit außerhalb des Bodelschwingh-Hauses nach. Ein Freizeitangebot, das auch mehrtägige Reisen beinhaltet, trägt zu ihrer Stabilisierung bei. „Wir müssen bei unseren Klienten einiges nacherziehen und positive Gewohnheiten wie einen geregelten Tagesablauf und Durchhaltevermögen aus eigenem Antrieb vermitteln“, beschreibt Laure den Charakter der täglichen pädagogischen Arbeit. Die Steigerung des Selbstgefühls und die Ermunterung, eigene Entscheidungen zu treffen, sind weitere wichtige Punkte auf dem Weg zur Resozialisierung.

Ronald Laure hebt hervor, wie wichtig eine hohe Professionalität der Helfer sei. Das sei auch für die Vernetzung mit staatlichen Stellen und anderen Dienststellen der Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe sowie anderen Einrichtungen des Diakonischen Werks Bayern wichtig. „Wir bringen unsere Stimme auch in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion ein“, betont er.

Es gibt Vergehen, auf die das Team mit sofortiger Kündigung reagiert: Drogenbesitz, Gewalt gegen andere Heimbewohner oder dauerhafte Verstöße gegen die Hausordnung. „Aber so etwas kommt sehr selten vor“, betont Laure.

Die Pforte im Bodelschwingh-Haus ist rund um die Uhr besetzt. An 365 Tagen. Etwa zwei- bis dreimal pro Woche drückt jemand auf die Klingel der abgeschlossenen Eingangstür und begehrt Einlass. Denn die Plätze im Haus sind begehrt. Pro Jahr melden sich etwa 180 Personen zu einem Vorstellungstermin, ein Drittel kommt aus eigenem Antrieb, etwa ein Drittel vermitteln die Justizbehörden, der Rest kommt über andere soziale Dienste oder auf Rat von Familienangehörigen, Freunden oder Bewohnern des Hauses.

Derzeit reicht die Altersspanne der Bewohner von 20 bis 70 Jahre. Wer einzieht, bringt meist ein ganzes Päckchen an Problemen mit: akute oder drohende Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, finanzielle Notlagen.

Welchen Erfolg die Arbeit des Teams im Bodelschwingh-Haus hat, ist schwer zu sagen. Die meisten, die den Sprung in ein geregeltes Leben schaffen, haben mit diesem Kapitel abgeschlossen und melden sich nicht mehr. Ronald Laure: „Da spielt viel Scham mit.“ Er schätzt, dass etwa ein Drittel einen Rückfall hat. „Das ist so das, was wir mitbekommen, wenn sich jemand bei uns wieder vorstellt, weil es mit Wohnung, Geld und den anderen Sachen nicht geklappt hat.“

Die Situation von Haftentlassenen ist schwierig. „Ich sitze auf einer Parkbank“, berichtet einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, über die Stunde Null nach seiner Entlassung. „Wo bleibe ich heute? Ich bin frei, aber gleichzeitig so unfrei wie noch nie. Ich habe noch 51 Euro in der Tasche. Das reicht, um nicht hungern zu müssen.“ Das Geld geht zu einem Teil für Fahrten und Telefonate mit den Ämtern drauf, um irgendwo wieder neu anfangen zu können. Endloser Papierkram ist zu erledigen.

„Es war schwer, ins Gefängnis zu gehen, aber herauszukommen war noch schwerer“, erinnert sich einer, der schließlich im Bodelschwingh-Haus Aufnahme fand und persönliche Zuwendung erfuhr.

Heinz Brockert
Foto: Erol Gurian

Das Bodelschwingh-Haus für Strafentlassene blickt auf erfolgreiche 50 Jahre zurück.


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