25.03.2015 - Sprungbrett in eine bessere Zukunft

20 Quadratmeter, ein Stockbett, eine Matratze darunter, eine Küchenzeile und ein eigenes kleines Badezimmer. Das ist das neue  Heim für Familie Caligari* – ein Zuhause auf Zeit. Hinter der Familie – Mutter Elisa mit ihrem zehnjährigen Sohn Jonas und der zwölfjährigen Tochter Anna – liegt eine Odyssee. Schulden haben Elisa Caligari geplagt, irgendwann  hat sie die Mahnungen nicht mehr aufgemacht. Dann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Zwangsräumung, Notunterkunft – und jetzt Lollo.

 

In dem Haus mitten im Glockenbachviertel finden obdachlose Familien und alleinstehende Frauen kurzfristig ein Dach über dem Kopf, wenn sie ihre Wohnung verlieren oder keine finden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie sind arbeitslos oder krank geworden sind, sie haben Schulden, ihnen sind ihre Probleme über den Kopf gewachsen. Mit 2,5 Millionen Euro im Jahr finanziert die Stadt München das Pilotprojekt; zum ersten Mal hat das Evangelische Hilfswerk sowohl die Betriebsführung als auch die soziale Betreuung inne. 
 
Im November hat die Einrichtung ihre Türen geöffnet: 94 Zimmer auf sieben Stockwerken bieten Platz für rund 250 Menschen. Mittlerweile wohnen in dem ehemaligen Postwohnheim schon mehr als 200 Menschen, gut die Hälfte von ihnen sind Kinder, das jüngste ist gerade mal eine Woche alt. 
 
Im März wurde das Charlotte-von-Kirschbaum-Haus feierlich eingeweiht. „Ich bin froh, dass wir dieses Haus haben“, sagte Bürgermeisterin Christine Strobl bei der Feier. Ihr Dank galt auch dem Vermieter – einer Eigentümergemeinschaft –, die das Haus ausdrücklich für einen sozialen Zweck vermieten wollte. „Das ist nicht selbstverständlich in München!“ Es habe durchaus kritische Stimmen gegeben, erinnerte sie an die Anfangszeit des Projektes. „Ich habe Briefe bekommen, es wurden Unterschriften gesammelt, es war von „downgraden“ des Viertels die Rede.“ Mittlerweile habe sich die Situation aber beruhigt. Und es gebe sogar immer mehr positive Reaktionen.
 
Wohnungslosigkeit sei eines der größten Probleme in München, führte Strobl aus. „Wachstum und Prosperität haben ihren Preis.“ München werde auch weiterhin einen Zustrom zu verkraften haben. Dabei sei es wichtig, Wohnungslose und Flüchtlinge nicht nur am Rande der Stadt unterzubringen, sondern auch im Herzen der Stadt.“
 
Zu Solidarität in der Stadt, zu „Verbundenheit mit den Menschen am Rande der Gesellschaft“ rief Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, auf. Denn auf das Gesetz und dessen Pflichtwahrnehmung könne man sich nicht immer verlassen. Das habe die Einstellung des Verfahrens gegen den Vermieter gezeigt, der in den sogenannten Elendshäusern pro Quadratmeter 50 Euro Miete verlangte. 
 
Das Charlotte-von Kirschbaum-Haus sei ein wichtiger Baustein im System, um Familien wieder auf die Füße zu helfen. Der erste Schritt aus der Wohnungslosigkeit sei damit getan. „Jetzt wird es spannend, wie die weiteren Schritte aussehen“, sagte Bürk. Es komme auf bezahlbaren Wohnraum in München an. „Das Haus soll für die Familien ein Sprungbrett in eine bessere Zukunft sein“, wünschte er. 
 
Die Namensgeberin des Hauses – Charlotte von Kirschbaum – würdigte Günther Bauer, Vorstand der Inneren Mission: „Sie war eine Frau, die viel mit Oberbayern gemein hat.“ Sie habe sich ihr Leben lang mit dem Thema der Existenz der Frau beschäftigt. Den Segen – und ein farbenfrohes Holzkreuz aus Peru – gaben Gottfried von Segnitz und Hans-Georg Platschek, die Pfarrer der benachbarten evangelischen und katholischen Kirchen. 
 
Im LOLLO, wie das Haus von Mitarbeitenden und Bewohnern mittlerweile liebevoll genannt wird, finden die Bewohner nicht nur ein Zuhause auf Zeit. Ein Team aus Sozialpädagogen und Erzieherinnen unterstützt sie, wo es nur möglich ist: Die Mitarbeitenden helfen bei der Suche nach einer eigenen Wohnung oder nach einem Job, bei Behördengängen oder wenn es Sprachschwierigkeiten gibt. Und sie trainieren mit den Bewohnern Schritt für Schritt das Leben in einer eigenen Wohnung: Termine einhalten, Schulden loswerden, die Miete rechtzeitig überweisen, gut mit den Nachbarn umgehen. „Die Familien sollen auch wissen, wo sie sich später in Krisensituationen Hilfe holen können“, sagt Marc Bocklet, der die Einrichtung leitet.
 
Ein ganz besonderes Augenmerk liegt auf den Kindern und Jugendlichen: Für die Kleinen gibt es eine Spielgruppe, für die Größeren Hilfe bei den Hausaufgaben, Freizeitangebote und ein Jugendzimmer. „Uns ist es wichtig, dass die gleichen Chancen wie andere Kinder haben“, betont Bocklet. 
 
Für Elisa Caligari hat das LOLLO-Team einen Termin bei der Schuldnerberatung ausgemacht, gemeinsam öffnen sie die Post und gehen die Briefe durch. Und bald wollen sie zusammen einen Antrag auf eine Sozialwohnung ausfüllen. Manche Bewohner sind schon einen Schritt weiter. Bocklet und sein Team können die ersten Erfolge vermelden: Vier Familien ziehen im April in eine eigene Wohnung.
Isabel Hartmann
 
BU: Klein aber fein sind die Zimmer in der Thalkirchner Straße

LOLLO Charlotte-von-Kirschbaum-Haus für wohnungslose Familien eingeweiht.


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