24.07.2015 - Ein ziemlich ungewöhnliches Engagement

Heute koche ich wieder bei Marikas – das ist jede Woche ein fester Termin in meinem Kalender. Marikas ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für junge Männer, die ihr Geld als „Stricher“ verdienen und damit versuchen, ihre Familien zu ernähren.

Das Essen schmeckt den jungen Männern, die an diesem Tag zu Gast sind. Die Stimmung am Tisch ist fröhlich, fas brüderlich, trotz der unterschiedlichen Herkunftsländer. Teilen sie doch alle das gleiche Schicksal, die Gebildeten und die, die kaum des Schreibens mächtig sind. Sie alle haben in ihrer Heimat keine Chance auf Arbeit und auch hier ist es – trotz des Beitritts ihrer Länder in die EU und der Unterstützung durch die hauptamtlichen Mitarbeitenden – nicht leicht, eine sichere und anständig bezahlte Beschäftigung zu finden. 
Unter der Fröhlichkeit der am Esstisch versammelten „Jungs“ – so werden sie hier liebevoll genannt – spüre ich immer wieder Traurigkeit und Sorge.
Wir vom Spirituellen Zentrum Sankt Martin, einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns für Menschen, die nach geistlicher Vertiefung suchen, unterstützen Marikas schon seit mehr als zwei Jahren finanziell mit der Hälfte der gesammelten Kollekte aus der Martinsmesse. Eine Gruppe von zehn Leuten kann Zeit für diese Hilfe aufbringen. Seite Juli 2013 übernehmen wir an den drei Tagen, an denen Marikas geöffnet ist, die morgendliche Bettenbereitschaft – das heißt, wir öffnen das Tagesschlafangebot – und kochen das Mittagsessen.
Die Mitarbeitenden von Marikas haben uns gründlich auf unsere Aufgaben vorbereitet. Wir konnten auch über anfänglich bestehende Berührungsängste sprechen, denn es erwartete uns ja eine Randgruppe, die stigmatisiert und allgemein eher gemieden wird.
Die offene und freundliche Atmosphäre in der Anlaufstelle, aber auch die klaren und verbindlichen Regeln, zerstreuten schon einige Bedenken. Die erste Begegnung mit den Jungs war positiv. Das waren keine zwielichtigen Gestalten, sondern – trotz ihres etwas fremden und manchmal leicht wilden Aussehens – liebenswerte junge Männer.
Die Atmosphäre bei Marikas ist von Achtung und Wertschätzung getragen, die Herzlichkeit und auch Fröhlichkeit im Umgang miteinander ansteckend. So empfinden wir den Einsatz immer als Bereicherung für uns.
Bald fühlten wir uns von ihnen angenommen. Wenn sie morgens frisch geduscht und friedlich schlafen in den Betten liegen oder mittags mit Appetit unser Essen verzehren, dann ist das für uns die größte Anerkennung und Belohnung. Sie sind uns ans Herz gewachsen.. Trotz der Sprachschwierigkeiten erfahren wir einiges von ihren Sorgen und Nöten, aber auch von ihrer Heimat, die sie ungeachtet aller Probleme lieben.
Vor allem die Roma sind kaum informiert über die gesundheitlichen Gefahren ihrer Tätigkeit. Sie sind ja überwiegend gerade erst volljährig. Mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld – und wenn notwendig auch mit Strenge – klären die Marikas-Mitarbeitenden sie über ihre Möglichkeiten und mögliche Folgen von Fehlverhalten auf. Oft müssen sie bei Verletzungen, Zahnproblemen und anderen Krankheiten den Kontakt zu einem Arzt herstellen.
Seitdem die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeführt wurde, steht die Vermittlung in rechtlich abgesicherte Arbeit im Mittelpunkt der Beratung. Wir Freiwilligen können bei anstehenden Bewerbungsgesprächen nur die Daumen drücken und Anteil an allen Sorgen und Schmerzen nehmen. Das ist nicht viel, aber ich bin sicher, dass es den entwurzelten jungen Männern hilft, den Kontakt zum normalen Leben aufrechtzuerhalten.
 
Ilse Wagenknecht

 

Ehrenamtliche vom Spirituellen Zentrum St. Martin unterstützen bei der Beratungsstelle Marikas Stricher.


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