23.03.2015 - Vielen fehlt einfach ein Krankheitsbewusstsein

Geduld und Fingerspitzengefühl – kaum etwas ist bei Christine Zimmermanns Job so gefordert wie diese Eigenschaften. Mit älteren Menschen kennt sich sie gut aus. Sie ist gelernte Pflegefachkraft, Managerin im Sozial- und Gesundheitsbereich und hat lange im Pflegebereich gearbeitet. Doch die Klientinnen, mit denen sie es bei den „Lebensplätzen“ zu tun hat, bedeuten für sie eine ganz neue Herausforderung. Vor zwei Jahren hat das Evangelische Hilfswerk das Haus im Harthof mit 25 Ein-Zimmer-Appartements eröffnet. Alle Bewohnerinnen haben auf der Straße gelebt, in Notunterkünften oder in betreuten Wohngemeinschaften. Niederschwelligkeit ist hier oberstes Gebot. Es gibt viele Angebote im Haus, vom gemeinsamen Frühstück bis zu Ausflügen. „Es kostet viel Zeit und Anstrengungen, um die Frauen für die Angebote zu gewinnen“, erzählt Einrichtungsleiterin Verena Graf. Gleiches gilt für die Gesundheitsvorsorge, die Christine Zimmermann anbietet. „Viele der Bewohnerinnen haben körperliche Beschwerden, die oft auf unbehandelte Unfälle zurückgehen, die sie hatten, als sie auf der Straße lebten“, sagt sie. Zwei Frauen sitzen im Rollstuhl, andere haben offene Beine, Bluthochdruck oder Diabetes, die meisten psychische Erkrankungen. Sich helfen zu lassen – das ist keine der Frauen gewohnt. Dabei würde etwa ein Drittel wohl eine Pflegestufe bekommen und dann Hilfe von externen Diensten. Doch dafür bräuchte es eine Untersuchung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. „Da führt bei den meisten kein Weg hin“, hat Zimmermann beobachtet. Nur zu einer Bewohnerin komme regelmäßig ein Pflegedienst. Um die anderen kümmert sich Christine Zimmermann – soweit sie es zulassen. „Es braucht einen langen Vorlauf“, sagt sie. Erst müsse Vertrauen entstehen. Das versucht sie über die Gruppenangebote aufzubauen oder durch kleine Dienste. Etwa den Frauen einen Duschstuhl ins Bad zu stellen, Hilfsmittel zu besorgen wie einen Rollator oder eine andere Gehhilfe. Weil die wenigsten Frauen jemand in ihr Reich lassen, bietet sie Gesundheitsvorsorge in einem extra Zimmer an. „Meistens kommen die Frauen aber nur, wenn es gar nicht mehr anders geht.“ Dann darf die Pflegerin mal eine Wunde verbinden oder bei der Fußpflege helfen. „Vielen fehlt einfach ein Krankheitsbewusstsein“, sagt sie. 

Es ist ein schmaler Grad, auf dem sie und die anderen Mitarbeitenden der Lebensplätze wandeln. „Wir haben eine Faustregel im Haus“, erklärt Verena Graf. „Wir wollen von jeder Frau mindestens einmal die Woche ein Lebenszeichen sehen.“ Ansonsten müsse man den Frauen ihre Selbstbestimmung lassen. Die Grenze sei aber erreicht, wenn die Frauen ihr Leben aufs Spiel setzen. 
 
Einige Frauen haben ihr Misstrauen schon etwas abgelegt. Wie Marion Fischbacher*. Seit zwei Jahren wohnt sie in den Lebensplätzen. Die 72-Jährige hat ein steifes Bein. Folge eines Unfalls, eine Operation wollte die damals Obdachlose offensichtlich nicht. Trotzdem ist sie mit Krücken viel unterwegs. „Ich schaffe noch alles allein“, sagt sie. Bei der Körperpflege will sie sich nach wie vor nicht helfen lassen. Doch immerhin lässt sie Christine Zimmermann in ihr Zimmer. Sie darf ihr beim Aufräumen helfen und sie zum Einkaufen oder ins Sozialamt begleiten. „Es sind kleine Schritte, die man vorankommt“, sagt Christine Zimmermann. 
 
Foto/Text: Christine Pauli
 
* Name von der Redaktion geändert.

Pflegerin Christine Zimmermann kümmert sich in den Lebensplätzen um ehemals obdachlose Frauen.


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