22.07.2015 - Tatsächlich willkommen

„Du kommst aus Polen, nicht wahr?“ – „Echt, aus Rumänien?“ Also, trotzdem aus dem Ostblock…“

Als stolze Rumänin trage ich in mir alles, was sozusagen von Haus aus zum Ostblock gehört: Aufgewachsen bin ich in einer nicht besonders reichen Familie, die eigenen Strategien entwickeln musste, um sich über Wasser zu halten. Natürlich bin ich auch geprägt von den Erfahrungen, die meine sozialistisch erzogenen Eltern und Großeltern erleben durften.
Vor 25 Jahren, nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, waren wir – die im Ostblock lebenden Menschen – von Begriffen wie Demokratie, Reisefreiheit, Öffnung der Grenzen und Migranten willkommen heißen zuerst begeistert und manchmal auch überfordert.
Vor 14 Jahren entschied ich mich dann, von dieser Reisefreiheit zu profitieren: Warum nicht einen Arbeitsvertrag in München unterschreiben? Und vielleicht auch ein Aufbaustudium beginnen? Warum nicht als Quereinsteigerin im sozialen Bereich arbeiten? Warum nicht ein Projekt leiten? All das, wovon ich vor 15 Jahren nicht mal zu träumen wagte, wurde mir in München ermöglicht. Wieso das Ostblock-Etikett so schnell abfiel, warum mir in einem fremden Land so viel Vertrauen geschenkt wurde – das war für mich am Anfang ein Rätsel. Nun weiß ich, dass dahinter Münchner Willkommenskultur steckt.
3.100 Wirtschaftsmigranten waren im vergangenen Winter in München obdachlos und über Schiller 25 nachts im Kälteschutz notuntergebracht. Auch sie haben sich entschieden, einen solchen Schritt zu machen und das große Angebot der EU – die Freizügigkeit – anzunehmen. Sie sprechen Bulgarisch, Türkisch, Rumänisch, Ungarisch, Polnisch, Italienisch, Spanisch, Serbisch – der Einfachheit halber hört diese Auflistung hier auf. 
E sind 3.100 Menschen, die voller Hoffnung, mit einem Pass in der Hand und einem kleinen Rucksack auf der Schulter, alles auf einige wenige Karten setzen. Eine dieser Karten ist die Beratung, die eines unserer sieben Teammitglieder in Schiller 25 anbietet.
Es war überhaupt nicht einfach, sieben Sozialpädagogen zu finden, die nicht nur das passende Studium mitbringen, sondern auch die notwendigen Sprachkenntnisse und den Migrationshintergrund. In unserem Team sprechen wir insgesamt zehn Sprachen. Was aber wesentlich wichtiger als die bloße sprachliche Verständigung: Sie bringen Erfahrungen aus verschiedenen Ländern mit. Ohne dieses Hintergrundwissen über die jeweilige Kultur und Religion wäre eine komplexe, verständnisvolle Beratung nie möglich und die Hilfesuchenden würden mit ihren Plänen und Rucksäcken, aber auch voller Enttäuschung, weiterziehen.
In Schiller 25 sind die Aufgaben sehr breit gefächert, sodass von jedem Teammitglied viel Flexibilität erwartet wird. Diese Flexibilität betrifft nicht nur das sozialpädagogische Team, sondern auch das Verwaltungsteam. Unsere ehemalige polnische Kollegin, die nun das Sekretariat einer anderen EHW-Einrichtung unterstützt, wird immer wieder angefragt, bei polnischen Beratungen zu dolmetschen. Auch unsere neuen Kolleginnen, die tagtäglich bürokratische Probleme lösen, bereichern unsere Arbeit, indem sie regelmäßig dolmetschen und übersetzen. Das ist nicht nur eine rein fachliche, sondern auch – sehr oft – eine persönliche Bereicherung. 
Dass wir in Schiller 25 häufig an unsere eigenen Grenzen kommen, ist nicht überraschend. Es finden sich aber jedes Mal Kollegen, die durch einen kleinen Satz eine schwierige Situation wieder ins Gleichgewicht bringen. Wie zum Beispiel in diesem Fall: „Ach, das ist mir langsam zu viel. Kannst du ihm dies bitte übersetzen: Wenn er mit dieser unfreundlichen Miene in der Beratung und wenn er sich nicht mal die Mühe gibt, den Mund aufzumachen, um diese Fragen zu beantworten, dann kommen wir überhaupt nicht weiter. So geht das nicht!“ „Das kann ich ihm übersetzen, kein Thema. Davor könnte ich dir sagen, warum er gerade so schlecht gelaunt wirkt. Er macht Ramadan und die Tatsache, dass er heute noch nichts gegessen und getrunken hat, ist eine zusätzliche Belastung zu seiner jetzigen, sowieso schwierigen Lage.“
Willkommenskultur“ und „interkulturelle Öffnung“ sind große Worte, deren Inhalt nicht nur mit Definitionen befüllt werden kann. Es sind die unterschiedlichsten Erfahrungen aus den verschiedensten Ländern, Kulturen und Religionen, die jeden von uns bereichern. Nur miteinander können wir diese anspruchsvollen Ziele weiter erreichen!
 
Andreea Untaru

 

Andreea Untaru leitet seit November 2013 Schiller 25-Migratinsberatung Wohnungsloser.


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