22.03.2015 - Für immer wegsperren, ist keine Lösung

„Psychotherapeutische Fachambulanz“ steht auf dem Schild am Eingang zu dem schlichten Bürogebäude unweit des Münchner Hauptbahnhofs. Wer hier behandelt wird, verrät das Schild nicht. Und das muss so sein. „Man kann nicht draufschreiben, was man genau macht. Wir brauchen eine gewisse Anonymität“, sagt Psychotherapeut Markus G. Feil, der hier für das Evangelische Hilfswerk arbeitet und die Fachambulanz leitet. Denn: Seine Patienten sind entlassene Gewalt- und Sexualstraftäter.

Viele Bürger würden mit Angst und Unverständnis reagieren, wenn sie diese Menschen in ihrem Umfeld wissen. „Dabei ist das, was wir machen, der beste Opferschutz, den es gibt“, betont Feil. Das lässt sich auch nachweisen: Seit die Ambulanz 2008 ins Leben gerufen worden ist, sind hier 674 Personen behandelt worden. In all der Zeit hat es nur „sehr wenige“ Rückfälle gegeben, schildert Feil. Und: „Keiner davon war so gravierend wie die Straftat, die der Betreffende zuvor begangen hatte.“
 
Fast keiner, der hier therapiert wird, kommt freiwillig. 90 Prozent stehen unter Bewährungs- oder der noch strengeren Führungsaufsicht. Das bedeutet, dass das Gericht die Täter nur unter der Bedingung aus dem Gefängnis entlässt, dass sie sich einer Therapie unterziehen. 
 
Was sind das für Menschen, wo kommen sie her? Feil erklärt, dass sich das nicht pauschalisieren lässt. Den typischen Sexualstraftäter gibt es nicht: „Täter kommen aus jeder sozialen Schicht. Es sind Lehrer, Polizisten, Obdachlose darunter.“ 99 Prozent derer, die in die Ambulanz kommen, sind Männer. Lediglich zwei Frauen haben sich bisher der Therapie unterzogen.
 
Auf freiwillige Teilnahme können die Experten in der Fachambulanz bei ihren Klienten nicht setzen. Es braucht Druck. „Wenn jemand unter Führungsaufsicht steht und die Therapieauflage nicht erfüllt, kann das als erneute Straftat gewertet werden – und wieder zur Haft führen“, sagt Feil. „Es geht nur so. Bei vielen bekommen wir nur auf diesem Weg einen Fuß in die Tür.“
 
Dann aber muss sich der entlassene Straftäter immer noch mit seiner Gefährlichkeit auseinandersetzen wollen. Die Motivation dafür zu schaffen, ist nicht ganz leicht. „Einige sagen sich einfach: ,Ich bin so und will nichts ändern.'‘“ 
In 60 Prozent der Fälle sind Kinder die Opfer. Sei es, weil sie der Täter sexuell missbraucht hat oder Kinderpornografie konsumiert hat. Dabei sind Sexualtäter ihrem Verlangen nicht ausgeliefert, weiß Feil. „Sie sind in der Lage, das zu kontrollieren.“
 
Das gelang etwa Bernd L.* (46) zuletzt. Seine Kindheit sei „total ok“ gewesen, behauptete er am Anfang der Therapie fest. Nach und nach ist dann ans Licht gekommen, dass seine Mutter Alkoholikerin war und sein Vater bei allem passiv blieb, berichtet Feil. 
 
Bernd L. erzählte beinahe beiläufig – als sei das völlig in Ordnung –, dass er bereits mit acht Jahren mit mehreren Erwachsenen Sexualkontakte hatte. Als er selbst groß war, missbrauchte er dann Kinder. „Er hat versucht, das zu relativieren, als sei es normal. Im Grunde hat er sein eigenes Schicksal wiederholt“, sagt Feil. „Dass es nicht normal ist, musste er erst lernen.“ Rückfällig ist der 46-Jährige seit der Therapie nicht geworden.
 
Für die Behandlung von Tätern wie Bernd L. kommt der Freistaat auf. Er finanziert die therapeutische Ambulanz für entlassene Sexualstraftäter mit jährlich 650.000 Euro. Seit 2013 zahlt das Justizministerium noch einmal dieselbe Summe, damit in denselben Räumen als Modellprojekt auch die Fachambulanz für entlassene Gewaltstraftäter arbeiten kann. 
 
Drei Jahre lang wird diese zweite Ambulanz vorerst gefördert, doch Markus G. Feil rechnet fest damit, auch danach das Projekt fortsetzen zu können: „Alles andere wäre politisch und gesellschaftlich nicht zu verantworten“, sagt er.
In beiden Ambulanzen arbeitet inzwischen ein Team von 15 Experten: Psychotherapeuten, ein Sozialpädagoge und Verwaltungskräfte, die sich insgesamt 8,25 Vollzeitstellen teilen.
 
„Ein sehr hoher Prozentsatz der Straftäter war als Kind selbst Opfer“, sagt Feil. „Sei es durch Vernachlässigung, sexuelle Gewalt oder viele Beziehungsabbrüche.“ Wenn Bernd L. auf die Straße vor die Fachambulanz tritt, weiß niemand, wer er ist. Feil ist froh darüber. „Die Gesellschaft ist da extrem intolerant.“ Dennoch sagt er bestimmt: „Für immer wegsperren, ist eben auch keine Lösung.“
 
*Name von der Redaktion geändert
Carola Eckert

Die Fachambulanzen für entlassene Straftäter arbeiten erfolgreich daran, dass Täter nicht mehr rückfällig werden.


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