21.08.2012 - Ein ganz normales Leben eben

Ein Balkon und ein Keller. „Das hatte ich noch nie“, sagt Eva Winkler* und lächelt etwas unsicher. „Das ist Luxus.“ Luxus ist für die 45-Jährige auch ihr 34 Quadratmeter großes Apartment. Ihr eigenes Reich, wo sie die Türe zumachen und ihre Ruhe haben kann. Für sie und die anderen Bewohnerinnen der „Lebensplätze“ ist das ungewohnt. 

Die Frauen, die in dem neuen Haus, das vom Evangelischen Hilfswerk betrieben und der Stadt München bezuschusst wird, eine Bleibe gefunden haben, sind sogenannte Wanderinnen im System. Man kennt sie bei der Stadt und bei den Wohlfahrtsverbänden. Viele haben lange auf der Straße gelebt, in Notunterkünften oder in betreuten Wohngemeinschaften.
Für sie waren das meist Durchgangsstationen, in denen sie es nicht lange aushielten. Für diese Frauen, für die es keinen geeigneten Platz in einer anderen Einrichtung gibt, wurden die Lebensplätze konzipiert. Lebensplätze heißt die Einrichtung, weil sie hier auf Dauer bleiben können.
Die städtische Wohnungsgesellschaft GWG hat das Haus nach dem Konzept des Evangelischen Hilfswerks im Stadtteil Harthof gebaut. 25 Ein-Zimmer-Apartments, ein jedes mit Bad und Kochnische – und mit Balkon. Auf drei Stockwerken reihen sich die Zimmertüren aneinander; im Erdgeschoss sind Pforte und Beratungstrakt. 
Hier sind die Büros von Einrichtungsleiterin Verena Graf und ihren Mitarbeiterinnen untergebracht. Die Leiterin, drei Sozialpädagoginnen, eine Pflegefachkraft, eine Hauswirtschafterin, dazu die Verwaltung und Hausmeisterei teilen sich viereinhalb Stellen. 
Sie alle sind für die Frauen da – wenn diese das wollen. Niederschwelligkeit ist oberstes Gebot: Jede Frau kann Hilfe bekommen, muss aber nicht. Das beginnt schon bei der Belegung der Zimmer. „Einige Frauen haben darauf hingefiebert, hier einziehen zu können“, erzählt Verena Graf. Doch es gibt auch viele andere. „Die muss man eher mit kleinen Tricks dazu bringen, sich das Haus wenigstens einmal anzuschauen.“ 
In enger Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen für Wohnungslose besuchen Graf und ihr Team die Frauen auch mal vorab, erzählen von den Lebensplätzen und haben „zufällig“ ein Auto dabei, falls sich die Frau das Haus einmal ansehen will. „Wer lange auf der Straße gelebt hat, tut sich oft schwer mit einer eigenen Wohnung“, sagt Graf, die zuvor als Streetworkerin gearbeitet hat. Genauso schwer tun sich die Frauen, Hilfe anzunehmen.
Die meisten haben viel durchgemacht. Sie haben Gewalt erfahren, in extremer Abhängigkeit vom Partner gelebt oder „viel zu lange in eigentlich unzumutbaren Situationen.“ Jede hat ihre eigene Geschichte. Bei vielen hat diese gesundheitliche Schrammen hinterlassen. In anderen Einrichtungen sind die Frauen nicht geblieben, „weil man zu oft versucht hat, sie in feste Strukturen einzubinden“, sagt Graf. Nicht so bei den Lebensplätzen.
„Bitte nicht stören“ steht auf einem Zettel an einer der Apartment-Türen, darum ranken sich bunte Blumen, was wohl so viel bedeutet wie: Ich habe nichts gegen euch, aber lasst mich bitte in Ruhe. Das wird akzeptiert. „Einige Frauen leben so zurückgezogen, dass wir sie noch kaum gesehen haben“, erzählt Verena Graf. Kontrolliert wird nicht. Aber immer wieder Kontakt angeboten. „Die Frauen haben ihre eigene Wohnung mit ihrem eigenen Mietvertrag, wir respektieren ihre Privatsphäre.“ Doch es gibt eine Pforte, die die ganze Nacht besetzt ist und wo man registriert, wer ein- und ausgeht. „Oder wir heften kleine Zettelchen mit einer Botschaft an die Tür“, sagt Graf. Ist der Zettel weg, weiß man, dass die Frau noch da ist.
Eva Winkler ist niemand, der sich zurückzieht. Sie nimmt die Angebote im Haus gerne an. Gemeinsames Kuchenbacken, der regelmäßige Kaffee-Treff – „da trifft man dann auch mal nette Leute“, sagt sie. Gemütlich hat sie ihr Zuhause eingerichtet. Ein kleines Sofa und ein Tischchen dazu, farbenfrohe Bilder an der Wand, zahlreiche Stofftiere auf dem Bett, in der Ecke ein kleiner Schreibtisch und darüber eine Pinnwand mit den Terminen der Woche.
Die Lebensplätze stellen Schrank und Bett, auf dem Gang gibt es eine Putzkammer mit nützlichen Dingen wie Wäscheständer oder Staubsauger. Wenn das Geld nicht reicht, gibt es für die Erstausstattung einen kleinen Zuschuss vom Sozialamt. Und das Geld reicht selten: Die meisten Frauen leben von Grundsicherung im Alter, Sozialhilfe oder Hartz IV. So auch Eva Winkler. 
Was die 45-Jährige in der Zeit vor den Lebensplätzen erlebt hat, kann sie selbst schwer rekonstruieren. Sie hat wohl die Hauptschule besucht, „aber Mathe war mir immer zu hoch“, hat dann eine Lehre begonnen, aber bald abgebrochen. Sie erzählt etwas vom Asperger-Syndrom und von ihrer Psychiaterin. „Die sagt, ich bin nicht arbeitsfähig.“ Eva Winkler spricht leise, schaut immer wieder verlegen zur Seite und verknotet die Finger ineinander. Niemand zwingt sie, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. 
In regelmäßigen Abständen ist eine Psychiaterin im Haus. Noch ein Angebot, das man nutzen kann oder eben nicht. Auch die Altenpflegerin bietet ihre Hilfe nur an. So unterstützt sie die Frauen etwa in Sachen Körperpflege. Im liebevoll dekorierten Pflegebad im Erdgeschoss genießen viele ihr erstes Vollbad nach langer Zeit.
Die Lebensplätze noch mehr in die Nachbarschaft zu integrieren – das ist für Verena Graf eine Herzensangelegenheit. So gibt es schon eine Kooperation mit der evangelischen Gemeinde, wo einige Frauen den kostenlosen Mittagstisch besuchen. Für die Lebensmittelausgabe der Münchner Tafel in der Nähe haben alle schon einen Berechtigungsschein. Einige Bewohnerinnen des Viertels leisten auch ehrenamtlich Dienst an der Nachpforte. „Man kommt so langsam ins Gespräch“, sagt Verena Graf. 
Gerne möchte sie noch Ausflüge für die Frauen organisieren, doch für Extras jeder Art ist sie auf Spenden angewiesen. Darüber hinaus hat die Stadt die Zuschüsse für Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gedeckelt, obwohl die Personalkosten jedes Jahr steigen.
Doch davon will sich Verena Graf im Moment nicht die Laune verderben lassen. Sie freut sich auf den Sommer und auf den Gemeinschaftsgarten hinterm Haus. Die ersten Grashalme sprießen. Kleine Tomatenpflänzchen recken ihre Blätter gen Himmel. „Die Frauen dürfen sich um die Gemüsebeete kümmern“, sagt Graf. Für viele eine ganz neue Erfahrung – die Pflanze wachsen zu sehen, sie zu pflegen und schließlich die Früchte zu ernten. Ein ganz normales Leben eben.

* Name von der Redaktion geändert

Doris Richter
Foto: Kurt Bauer

In den Lebensplätzen finden wohnungslose Frauen eine dauerhafte Bleibe.


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