21.06.2010 - 20 Jahre Mimikry

Am 2. Juni ist internationaler Hurentag. Kaum einer kennt diesen Tag, auch die nicht, denen er gewidmet ist. „Wir hatten für jede Frau eine Blume dabei und haben ihr diese überreicht“, erzählt Sabine Skutella, Sozialpädagogin und stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle Mimikry.
An diesem Tag hat sie mit einer Kollegin als Streetworkerin Prostituierte an ihrem Arbeitsplatz besucht, die Überraschung dort war groß, wusste doch keine von der Besetzung einer Kirche in Lyon durch 100 Kolleginnen am 2. Juni 1975. Damals wollten die anschaffenden Frauen auf ihre schlechte Situation aufmerksam machen – und heute?
„Es hat sich viel verändert in den 20 Jahren, die ich bei Mimikry arbeite“, sagt Skutella. Mimikry ist eine Beratungsstelle des Evangelischen Hilfswerkes München für Prostituierte. Ihren Ursprung hat die Anlaufstelle, die sich heute in der Dreimühlenstraße befindet, in der „Mitternachtsmission“, die 1935 ein Pfarrer der Matthäuskirche gegründet hatte. Bis 1989 betreuten Schwestern die Frauen, dann kam mit dem sozialpädagogischen Fachpersonal auch die Umbenennung der sozialen Einrichtung in „Mimikry“.
Seitdem hat Mimikry viele Veränderungen durchlaufen. In den Anfangsjahren gab es ein Café und betreutes Wohnen, heute bietet das Team in erster Linie Beratung und Unterstützung in allen Lebenslagen. Seit 1994 gibt es im gleichen Haus auch die Anlaufstelle „Marikas“ für anschaffende junge Männer. Die Zahl der anschaffenden Frauen in München lag in den ersten zehn Jahren von Mimikry bei rund 1.000, jetzt leben rund doppelt so viele Frauen in der Landeshauptstadt vom „ältesten Gewerbe der Welt“.
„Früher gab es kaum Ausländerinnen, die anschaffen gingen“, erinnert sich Skutella, die in ihrer Anfangszeit als Streetworkerin hauptsächlich auf dem Straßenstrich unterwegs war. „In München gab es 1990 schon Sperrbezirke, die die Prostitution an den Rand gedrängt haben.“ Und das hat vielfältige Folgen für die Sexarbeiterinnen: So ist auf dem Straßenstrich an der Ingolstädter Straße seit dieser Zeit nur noch die „Anbahnung“, nicht mehr aber die „Ausübung“ gestattet, wie es im Beamtendeutsch heißt.
Für die Prostituierten bedeutet das entweder, mit dem Freier in eine von ihnen bezahlte Absteige fahren zu müssen, oder illegal im Auto zu arbeiten, wollen sie den Kunden nicht verlieren. Auch die Klagen von Anwohnern in Pasing im Jahr 2004, erinnert sich Skutella, hätten viele Prostituierte die Existenz gekostet: Denn ein Haus, in dem Prostituierte arbeiteten, wurde kurzerhand in den Sperrbezirk aufgenommen. Die Frauen hatten langfristig Geld in ihre Räume investiert, das nun verloren war.
„Ich wünsche mir, dass Prostitution endlich als das wahrgenommen wird, was es ist: ein Stück Normalität“, sagt die Sozialpädagogin. Eine Prostituierte sei nicht gleichzusetzen mit einem „Opfer“ – und ein Kunde sei nicht automatisch ein „Gewalttäter“.
Die gesellschaftliche Akzeptanz von anschaffenden Frauen ist ein Ziel, das sich Mimikry auf die Fahnen geschrieben hat. Das Prostitutionsgesetz von 2002 ist ein Schritt auf diesem Weg. Seitdem ist Prostitution nicht mehr sittenwidrig, es kann einen Arbeitsvertrag zwischen Frau und Bordellbesitzer geben. Dieser würde auch die soziale Absicherung ermöglichen, zum Beispiel durch eine Kranken- und Rentenversicherung.
„Ich habe allerdings noch keine Frau mit Arbeitsvertrag getroffen“, sagt Sabine Skutella. Viele Prostituierte fürchten um ihre Unabhängigkeit und die Bordellbesitzer scheuen die Lohnnebenkosten. So arbeiten die meisten Frauen selbständig und zahlen freiwillig in die Krankenversicherung ein.
Mittlerweile sind 70 Prozent der Frauen, die in München als Prostituierte arbeiten, Migrantinnen. Seit der EU-Osterweiterung kamen etwa Polinnen, Ungarinnen, Tschechinnen nach München. Die Sozialpädagoginnen von Mimikry besuchen die Frauen an ihren Arbeitsplätzen und haben Flyer in zehn Sprachen dabei – auch einen auf thailändisch. Unter den Migrantinnen machen sie als einzelne Gruppe den größten Prozentsatz aus. Deswegen hat Mimikry auch eine kulturelle Mediatorin, die aus Thailand kommt.
„Als sie mich das erste Mal beim Streetwork begleitet hat, war das wie eine Offenbarung für mich“, erzählt Skutella lachend. „Die haben gleich miteinander geschnattert und wir durften sogar reinkommen!“ Ohne die thailändische Mitarbeiterin wäre so ein intensiver Kontakt nicht möglich gewesen, zu groß sind die kulturellen Unterschiede.
Mimikry bietet Beratung und Information an. Das kann eine Antwort auf die Frage sein, ob eine bestimmte Straße zum Sperrbezirk gehört, das kann aber auch eine langjährige Begleitung sein – auch über die Zeit als Prostituierte hinaus. Sabine Skutella und ihre Kolleginnen helfen beim Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen, sprechen über die Probleme mit dem drogensüchtigen Sohn und fahren mit zum Gerichtstermin. „Wir verteilen unsere Flyer und ermutigen die Frauen, dass sie bei Bedarf Kontakt zu uns aufnehmen. Es ist für uns schon ein Erfolg, wenn die Frauen das annehmen und sich vielleicht irgendwann an uns wenden“, so Skutella.
Auch nach 20 Jahren macht sie ihre Arbeit noch gerne, denn die Sozialpädagogin glaubt an die Veränderung. „Wir sind in der sozialen Arbeit immer noch ein exotischer Bereich. Ich habe schon oft hören müssen: ‚Was, du arbeitest mit Prostituierten?!‘ Die moralischen Vorbehalte sitzen tief.“ Im Moment sind sie bei Mimikry froh, dass sie ihr Angebot aufrechterhalten können. Sabine Skutella und ihre Kolleginnen werden weiter an die Türen von Bordellen und Laufhäusern klopfen. Und am 2. Juni wieder Blumen verteilen.
Sandra Zeidler
 

Die Beratungsstelle für anschaffende Frauen "Mimikry" wird 20.


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