21.03.2015 - Je mehr man hinter sich hat, desto weniger Angst hat man vor der Zukunft.

„Die Küche und den Essbereich – das mag ich an meiner Wohnung am liebsten. Ich koche gerne und jetzt kann ich endlich wieder Leute einladen, das konnte ich viele Jahre lang nicht.   

Das ist die erste Wohnung, in der ich als Single wohne, denn ich bin gleich mit 18 mit meiner Frau zusammengezogen. Mit ihr und unseren drei Kindern habe ich auf dem Land in der Nähe von Landshut gewohnt. Ich habe Metzger gelernt,  15 Jahre im Schlachthof gearbeitet, im Akkord. ‚Nur wenn man Arbeit hat ist man etwas wert‘ – so habe ich früher gedacht, das galt in dem Dorf am Bodensee, in dem ich aufgewachsen bin. Im Schlachthof habe ich gutes Geld verdient, aber die Arbeit nimmt einen psychisch mit. 
 
Mein Leben  war ganz normal – bis 2005, als mich meine Frau eines Tages in der Arbeit angerufen hat: Mein jüngster Sohn war tot, plötzlicher Kindstod. Das habe ich nicht verwunden, mein Leben ist aus den Fugen geraten. Ich konnte nicht mehr schlafen, habe abends meine Gedanken oft mit einer Flasche Wein betäubt. Meine Ehe ging auseinander,  2008 stand ich auf der Straße. 
 
Nach München bin ich als Obdachloser gekommen. Da habe ich erst mal vier Monate auf Zeitungen gelegen und habe geschaut, wie das so funktioniert auf der Straße. Anders als auf dem Land kann man in einer Stadt wie München überleben, wenn man Bescheid weiss, wo es Essen gibt und Hilfe. Hier gibt es Strukturen für Obdachlose, hier fällt man nicht auf, keiner zeigt mit dem Finger auf einen. 
 
Ich habe einen Mann aus Franken kennengelernt, er hat mir viel gezeigt, wie es so funktioniert auf der Straße: Eine gute Platte muss man ordnungsgemäß behandeln: sauber halten, keine Flaschen und kein Dreck – sonst wird man verjagt. Und man sollte seine Schuhe immer bei sich behalten – sonst sind sie am nächsten Morgen weg. Mit der Zeit habe ich eine Struktur in mein Leben reingebracht. Ich habe Flaschen gesammelt, fünf bis sechs Stunden am Tag. Um die zehn Euro sind so zusammengekommen, das reicht fürs Leben. Wir waren eine kleine Clique, sind am Bahnhof rumgehangen, haben gelabert, höchstens im Suff mal gestritten. 
 
Trotzdem: Obdachlosigkeit – das ist auf Dauer nur Stress. Deshalb war ich froh, dass ich Hilfe gefunden habe, im Haus an der Knorrstraße. Drei Jahre war ich dort, hatte viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe festgestellt, dass ich ein Mensch mit vielen Interessen und Hobbies bin: Für mich habe ich ein Geschichtsbuch zur Entwicklung der Welt geschrieben –  ich kenne jetzt 350 Geschichtszahlen auswendig. Mit Botanik habe ich mich auch beschäftigt, dafür habe ich ein eigenes Computerprogramm entwickelt, beobachtet was wann blüht und jedes Blatt fotografiert.
 
Manche Bewohner im Haus an der Knorrstraße haben nie Fortschritte gemacht – ich wollte  aber weiter, in eine eigene Wohnung. Für die Einrichtung habe ich jeden Cent vom Taschengeld und meinem Verdienst gespart. Letzen Oktober habe ich über das ‚Kompetenztraining Wohnen‘ der Teestube ‚komm‘ meine Wohnung im Harthof bekommen. Ein Jahr lang helfen mir Sozialpädagogen, selbstständig zu werden. Später kann ich den Mietvertrag selber übernehmen.  
 
Ich mag den Münchner Norden, hier ist es schön grün, der Feldmochinger See ist nah, das ist mein zweites Wohnzimmer. München ist super zum Radeln, ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit ins Adolf-Matthes-Haus, da bin ich Hilfskraft in der Küche. Zwanzig Kilometer sind das, ein gutes Training. Denn in diesem Jahr habe ich meinen ersten Triathlon gemacht. Das hatte ich meinem toten Sohn geschworen, da bin ich sehr stolz, dass ich das geschafft habe. 
 
Heuer bin ich 40 geworden – und ich bin dankbar: Ich bin vom Alkohol los, habe eine schöne Wohnung, einen Job und mein Fahrrad. Ich bin gelassener geworden in den letzten Jahren: Je mehr man hinter sich hat, desto weniger hat man Angst vor der Zukunft. Egal was passiert, es geht immer weiter. Ich lebe von einem Tag zum anderen, große Wünsche habe ich nicht mehr. Oder doch, einen: Ich möchte einen Hund haben – wenn es mit dem Triathlon mal nicht mehr geht. 
 
Isabel Hartmann

 

Dietmar Aggeler ist - nach ein paar Jahren der Obdachlosigkeit - wieder in eine eigene Wohnung gezogen.


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