20.09.2014 - Wir müssen Raum für Emotionen geben

„‘Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ ? von Treten steht da nichts.“ Das Gedicht „Artikel 1 GG“ von Werner Schlegel, der sich damit mit seinem Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt auseinandersetzt, wirft für mich die Fragen auf: Was ist eigentlich Würde und wie verhält man sich würdevoll einer anderen Person gegenüber? Wann ist man würdevoll und wo ist die Grenze zum Unwürdigen? 

In den Lexika wird von innerem Wert gesprochen, also einem Wert, den jeder Mensch von Geburt an hat. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ So heißt es zumindest auch in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im ersten Artikel. 
 
Aber wie begegnet man einem Menschen in Würde? Ich habe einige Bewohner des Bodelschwingh-Hauses befragt, was eigentlich Würde für sie bedeutet. Stichwörter dazu waren: Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Gleichbehandlung. Beispielsweise sei es wichtig, dass sich Familie, Verwandte und Bekannte mehr um den Menschen und sein Befinden kümmern. Das heißt, dass sie sich mehr für ihre eigentliche Persönlichkeit interessieren und ihr Dasein und ihre Wertschätzung nicht mit materiellen Leistungen wie Ausbildung, Arbeit und Wohnung rechtfertigen oder gleichsetzen. 
 
Dabei ist es wichtig, dem Anderen mit einer grundsätzlichen Akzeptanz zu begegnen. Das Thema „einen Fehler machen oder gemacht zu haben“ ist immer wieder bedeutend für die Bewohner: Alte oder neue Fehler einzugestehen, zu reflektieren und daraus zu lernen ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Es ist umso schwieriger, wenn das Umfeld verschlossen für Vergebung ist und auf diesen Fehlern herumreitet. 
 
Wenn man sich mit Fehlern und der Person auseinandersetzt, bedeutet das auch, Raum für Emotionen zu geben. Das hat in unserer heutigen Leistungsgesellschaft kaum noch Platz. Jedoch ist es besonders wichtig, den Menschen so zu akzeptieren wie er ist und ihm auf Augenhöhe zu begegnen, ihm eine zweite Chance zu geben und die alten Fehler zu vergeben, um an den neuen Herausforderungen – arbeiten zu können. 
Ein Wunsch, verstanden zu werden, ein Wunsch nach einem Entgegenkommen und Unterstützen bleibt jedoch oft offen. Ein Wunsch nach Zusammenhalt, Geborgenheit und Stabilität – sowohl materiell als auch sozial – ist schwierig zu erfüllen, da diese Stabilität zum Teil von anderen Personen abhängt. Stattdessen gibt es oft Vorwürfe oder Ratschläge, die sich hauptsächlich um materielle Dinge drehen. Der Mensch an sich wird völlig aus den Augen verloren. 
 
Oft fühlen sich Klienten verpflichtet, noch mehr zu leisten, um das Bedürfnis nach Anerkennung in der Familie zu stillen. Jedoch stehen diesen Zielen häufig andere Probleme im Weg: Ohne reines Führungszeugnis ist es schwierig, Arbeit zu bekommen und ohne Arbeitsvertrag findet man nur sehr schwer eine Wohnung. 
Wenn der Druck so hoch ist und die Auswahlmöglichkeiten so gering sind, dann ist der Kampf nach Anerkennung und Willensfreiheit sehr groß. Ob ein Klient aus seiner Krise findet und wie er zukünftig mit Fehlern umgeht, hängt von den Problemen ab, die eine Familie zu lösen hat. Und davon, wie sie mit Problemen umgeht. 
 
Als Sozialpädagoge versucht man, einen Beitrag zu leisten, gewisse Grundbedürfnisse zu decken und aus der Krise wieder herauszufinden. Es interessiert nicht, wie die Person gekleidet ist und welche positiven Fakten hinterlegt werden können. Es interessiert mehr, wer diese Person ist und was sie zu etwas Besonderem macht, welche Ziele es gibt und welche Erfahrungen die Person schon vorher gesammelt hat. Denn es steht grundsätzlich jedem Menschen Würde in seinem Leben zu. Gerade das ist ein elementarer Punkt, den besonders Menschen in schwierigen Situationen brauchen.
 
Seraina Jesse, Gruppenleiterin im Bodelschwingh-Haus für strafentlassene Männer
 

 

Aus der Krise lernen: Wie Sozialpädagogen Strafentlassenen helfen können.


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