20.03.2015 - Man konnte lange Zeit viel mitreden

„Die Bäumchen vor unserem Haus waren noch ganz mickrig, zur Post musste man bei Regen durch Schlamm waten und es fuhr nur die Straßenbahn nach Neuperlach“ – das sind die Erinnerungen, die Heinz-Dieter Wenzel an seine erste Zeit in Neuperlach hat. 1973 ist er mit seiner Frau und seinem Sohn dorthin gezogen.

Wohnungsnot war schon in den 60er-Jahren in München ein Thema. Der Münchner Stadtrat beschloss deshalb ein umfassendes Wohnungsbauprogramm. Es entstanden unter anderem das Klinik-Viertel in Großhadern, die Freimanner Studentenstadt und die Entlastungsstadt Neuperlach. Für rund 70.000 Menschen war die Satellitenstadt geplant: Sie sollte Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Freizeit umfassen.
 
Während die Medien Neuperlach heute meist mit Plattenbauten, Jugendkriminalität oder Drogen in Verbindung bringen, haben langjährige Bewohner ganz andere Eindrücke der Stadt: „Nah an der Natur, gut angebunden und alles da, was man braucht“, das war das Ergebnis einer Umfrage, die Christine Maier, Leiterin des Stadtteilbüros Neuperlach vor einpaar Jahren gestartet hat. „Neuperlach ist großzügig gebaut, es gibt viele Grünstreifen, Fußwege und Fußgängerbrücken“, sagt sie.  
 
Vor Heinz-Dieter Wenzels Haus gehen die Bäume mittlerweile bis zum 4. Stock und die U-Bahn braucht bis zum Hauptbahnhof nur 20 Minuten. „Für mich ist Neuperlach Gewohnheit geworden, weil ich schon so lange da bin“, sagt er. Ein Anlaufpunkt in Neuperlach ist für ihn auch das Stadtteilbüro Neuperlach, dort engagiert er sich ehrenamtlich. 
 
Die Wurzeln des Stadtteilbüros reichen in die Entstehungszeit Neuperlachs zurück. „Die war sehr spannend“, sagt Leiterin Christine Maier, die 1974 Neuperlach kennengelernt hat. „Man konnte lange Zeit sehr viel mitreden.“ Viele Einrichtungen der Selbsthilfe gäbe es – wie das Stadtteilbüro – seit ungefähr vier Jahrzehnten.
 
So langsam ändere sich die Nachbarschaft, hat Maier festgestellt: „Die Bewohner, die von Anfang an hier gewohnt haben, werden alt.“ Wohnungen werden jetzt zu immer höheren Preisen vermietet oder verkauft. „Langjährige Mieter können sich die Mieten nicht mehr leisten“, hat Maier beobachtet. Und: Waren ursprünglich um die 50 Prozent der Wohnungen in Neuperlach gefördert, sind es nur noch etwa 30 Prozent. In den kommenden Jahren sollen in Neuperlach neue Wohnungen entstehen – damit reagiert die Stadt auf den derzeitigen Wohnungsmangel.
 
Isabel Hartmann

Neuperlach entstand in den 60-ger Jahren - schon damals herrschte in München akute Wohnungsnot.


zurück