19.03.2015 - Ich gehe Schritt für Schritt

„München war schon immer meine Traumstadt, ich wollte schon als Kind hierher: wegen der Berge, wegen des Oktoberfests. 2011 habe ich mir meinen Traum erfüllt. In Georgien habe ich Jura studiert, in Deutschland wollte ich danach einen Master in Recht machen. 

 

Deshalb habe ich in München erst mal Deutsch gelernt – und währenddessen als Au-Pair gearbeitet. Hier habe ich auch meinen Freund kennengelernt. Wir sind zusammengezogen, ich bin schwanger geworden. Während der Schwangerschaft hatten wir Probleme, haben viel gestritten. Er hat mich dann aus der Wohnung geschmissen und ich stand hochschwanger auf der Straße. 
 
Über die Schwangerenberatung bin ich auf KARLA 51 gekommen. Nach der Geburt bin ich direkt aus dem Krankenhaus hier eingezogen. Seit genau einem Jahr lebe ich mit meiner Tochter Julia* auf zwölf Quadratmetern, die Küche teilen wir mit den anderen Frauen auf dem Stockwerk. Manchmal wird es schon eng, gerade wenn ich lernen möchte. Deshalb gehe ich oft mit meiner Tochter raus, Spazieren, auf den Spielplatz. 
 
Ich versuche die Situation so zu nehmen, wie sie ist: Ein Recht auf eine Sozialwohnung habe ich nicht, weil ich noch nicht fünf Jahre in Deutschland lebe und aus keinem EU-Land komme. Eine Wohnung könnte ich also nur privat finden, aber das ist in München fast unmöglich, das klappt nicht ohne Arbeit.
 
Meine Freunde in Georgien arbeiten teilweise schon als Richter, ich mache mir schon manchmal Sorgen, dass  ich mit 26 im Leben noch nicht so viel geschafft habe. Aber ich bin glücklich, dass ich meine Tochter habe, ein Dach über dem Kopf, dass ich gesund bin und mein Leben selber in Ordnung bringen kann. 
 
Es ist gut, hier in KARLA 51 zu leben; die Sozialpädagoginnen zeigen einem einen Weg. Aber man muss sich selbst für diesen Weg entscheiden und ihn dann auch gehen. Ich gehe Schritt für Schritt: erst eine Arbeit, dann eine eigene Wohnung und irgendwann möchte ich gerne den Master machen, mich interessiert Strafrecht am meisten. 
 
Bis jetzt war es schwierig, eine Arbeit zu finden, weil ich keinen Platz für meine Tochter hatte. Seit Kurzem geht sie zu einer Tagesmutter. Jetzt suche ich Arbeit, ich habe mich bei Bäckereien beworben, in Modegeschäften und in einem Café. Das ist nicht einfach, denn meine Aufenthaltsgenehmigung ist nur kurz. Wenn die Chefs das sehen, schauen sie meine Bewerbung gar nicht mehr an. Aber wenn ich arbeite, würde ich auch eine längere Aufenthaltsgenehmigung bekommen. 
 
Letzte Woche habe ich in einer Bäckerei zur Probe gearbeitet, der Chef war zufrieden, wollte mir den Vertrag zuschicken – ich habe seitdem nie wieder etwas gehört. Das zieht mich schon manchmal runter, aber ich will nicht einfach dasitzen und mich beschweren, ich will selber etwas machen. Ich wünsche mir nicht viel, eine Arbeit und eine eigene Wohnung. Ich möchte mit meiner Tochter einfach glücklich sein, meinem Kind eine Chance geben auf ein gutes Leben.“
 
 *Namen von der Redaktion geändert
Protokoll: Isabel Hartmann

 

Seit einem Jahr wohnt  Lilja Gelaschwili * im Frauenobdach KARLA 51.


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