17.04.2014 - Ein Gespür für das Existentielle

Es begann im März vor einem Jahr, mit einem Schließfach, dessen Tür offen stand. Da studierte Stefanie Gruber gerade im vierten Semester Soziale Arbeit an der Hochschule München. Und suchte verzweifelt nach einem Praktikumsplatz, am liebsten in der Schwangerenberatung oder Straffälligenhilfe. Doch nichts wollte so richtig klappen, die Zeit drängte. „Das Schließfach war für mich eine Botschaft Gottes, dass mir alle Türen offen stehen“, erinnert sich die 39-Jährige. An dem Tag erzählte ihr eine Bekannte von ihrem Praktikum in der Bahnhofsmission. Und Stefanie Gruber schickte ihre Bewerbung los.

 
Seit Oktober 2013 ist sie mittendrin, so wie heute: Aufstehen um Viertel nach fünf, um sieben geht die Frühschicht los: Tee kochen und Brote schmieren. Die hat sie schon an der Theke verteilt, jetzt ist die Küche dran. Schnell ordnet sie noch die Zettel für die Umsteigehilfe, im Hintergrund rattert die Spülmaschine. Den silbernen Teekocher und die Kaffeemaschine füllt sie nebenbei auf. 
 
Eine Frau steckt den Kopf rein und fragt: „Chilfe. Rumanie?“ Stefanie Gruber zeigt ihr, wo sie sich für eine Beratung anmelden kann. Ein Kollege kommt mit einem Sack voller Brezen, eine Spende – allerdings steinhart, nicht mehr essbar. Was tun? Und dann ist es auch schon Zeit, einen Rollstuhlfahrer zum Zug nach Hof zu bringen. 
 
„Man entwickelt einen Blick dafür, wo es etwas zu tun gibt“, sagt Stefanie Gruber und lacht. Schon nach einer Woche hatte sie gemerkt, dass ihr die Arbeit viel Spaß macht und dass sie  „in einem super Team“ gelandet ist. „Seitdem ich mich entschieden habe, ist mein Praktikum dermaßen gesegnet, von A bis Z“, sagt sie und die Lachfältchen um die großen blauen Augen werden immer tiefer, je länger sie erzählt. 
 
So wie in der Bahnhofsmission ist auch Stefanie Gruber in ihrem Studium gelandet – auf Umwegen. Graphik-Design hatte sie studiert und dann fünf Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet. Als ihre Beziehung in die Brüche ging, stürzte sie in eine tiefe Krise. Herausgeholt hat sie ein befreundeter Kollege, der ihr von seinem Glauben erzählte. „Man baut sich im Laufe der Zeit Kulissen für sein Leben auf“, sagt Stefanie Gruber, „aber wenn man dahinter blickt, ist da nichts.“ Sie hat im Glauben ein neues Leben gefunden, hat sich taufen lassen und ihren Kollegen geheiratet. Und sich nach der Geburt ihrer drei Kinder entschlossen, umzusatteln, auf Soziale Arbeit. Auch weil sie anderen Menschen helfen möchte.
 
Das Praktikum in der Bahnhofsmission passt zu ihrem Leben, findet sie: Sie arbeitet mit Menschen am Rande der Gesellschaft, was sie schon immer machen wollte. Sie kann Frühschichten übernehmen und am Nachmittag für ihre Kinder da sein. Die Bahnhofsmission ist eine ökumenische Einrichtung, was ihr als bekennende Christin die Möglichkeit gibt, auch von ihrem Glauben zu erzählen – das kann ebenfalls eine wichtige Hilfe für Menschen sein.
 
Und dann gibt es da noch Jessica Frühauf, ihre Praktikantenanleiterin, „ein Fixpunkt, zu dem man mit all seinen Ideen und Fragen gehen kann“. Einmal in der Woche setzen sich die beiden zusammen und reden: über den Ausbildungsplan, über psychische Probleme bei den Klienten, und wie man Grenzen setzen kann. „Eine Mini-Supervision“, nennt Stefanie Gruber diese Treffen; Frühauf findet es gut, als Anleiterin wieder einen anderen Blickwinkel auf ihre Arbeit zu bekommen. 
 
Deshalb war sie auch schnell dabei, als es um Stefanie Grubers Praktikumsprojekt ging, das Teil des Ausbildungsplanes war. Nicht „das hundertste Malangebot“ sollte es sein, sondern sie wollte die Lebenswelt der Klienten nachvollziehen. Für eine Nacht sind sie nach Nürnberg gefahren, ohne Geld, ohne Essen, ohne Quartier. Sie haben sich erstmal in der Altstadt treiben lassen und einen Unterschlupf für die Nacht gesucht. Und abwertende Blicke gespürt, die Scham für die eigene Situation erlebt. 
 
Als sie in einem Schalterraum einer Bank unterschlüpften, redete ein Mann sie an: „Ihr habt wohl ’nen Schlag.“ Als sie gerade auf Stühlen im Bahnhof eingenickt waren, weckten Partyleute sie mit dummen Sprüchen wieder auf. „Es ist unglaublich, wie man schon in einer Nacht Gespür für das Existentielle bekommt“, sagt Stefanie Gruber rückblickend. „Man ist so mit dem Überleben beschäftigt – wo gehe ich hin, wie bekomme ich Geld, wo finde ich Essen – das zwackt einem alle Ressourcen ab.“
 
Dankbarkeit und Gelassenheit haben sie das Projekt und die Zeit in der Bahnhofsmission gelehrt – auch für ihr Studium. In ein paar Wochen fängt die Hochschule wieder an. Aber: „Es geht nicht so ganz ohne die Bahnhofsmission – ein kleines Ehrenamt ist schon drin“, sagt Stefanie Gruber und lacht. Und sie kann sich auch vorstellen, nach dem Studium in der Bahnhofsmission zu arbeiten. „Ich kann gerne Pläne schmieden, aber Gott hat den besten Plan für mich“, das hat sie aus der Sache mit der offenen Schließfach-Tür gelernt. „Wer weiß, was mir in Zukunft für Türen offen stehen.“

 

Isabel Hartmann

Stefanie Gruber hat 22 Wochen lang ein Praktikum in der Bahnhofsmission gemacht


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