17.03.2013 - Wenn das Risiko zur Chance wird

Das Evangelische Hilfswerk (EHW) München besteht seit genau zehn Jahren. Die gemeinnützige GmbH ist aus der einstigen Abteilung „Gefährdetenhilfe“ der Inneren Mission hervorgegangen. Beim Hilfswerk sind derzeit rund 210 Mitarbeitende beschäftigt. Die Fragen an Gordon Bürk stellte Klaus Honigschnabel.

? Was hat die Ausgründung als eigene Gesellschaft rückblickend denn gebracht?

! Zunächst ging es bei der Ausgründung darum, wirtschaftliche Interessen der damaligen Abteilung Soziale Dienste und Gefährdetenhilfe zu sichern. Das gesteckte Ziel haben wir bereits im ersten Wirtschaftsjahr 2003 in vollem Umfang erreicht. 
In den Folgejahren erwarb sich das Hilfswerk zusehends den Ruf eines leistungsstarken und innovativen Trägers innerhalb der Wohnungslosen- und Strafentlassenenhilfe. So haben viele Angebote des „Betreuten Wohnens“ innerhalb der Münchner Wohnungslosenhilfe ihren Ursprung im Hilfswerk. Einrichtungen wie das Frauenobdach Karla 51 oder unser neues Langzeitangebot für Frauen, die „Lebensplätze“ im Münchner Norden, sind als erfolgreiche Modellprojekte weit über München hinaus bekannt. 
Und die erste Fachambulanz für Sexualstraftäter in Bayern wurde in München unter unserer Trägerschaft gegründet. Derzeit steht da eine Ausweitung für Gewaltstraftäter an. Das Justizministerium, das auch dieses neue Angebot finanzieren wird, ist mit unserer Arbeit offensichtlich sehr zufrieden. 
Ohne die Ausgründung, die ja auch einige neue Rahmen- und Strukturbedingungen mit sich brachte, wäre diese intensive Weiterentwicklung in vielen Bereichen nicht möglich gewesen.

? So eine Gründung birgt ja immer auch Chancen und Risiken. Was hat sich denn als das größtes Risiko herausgestellt? Und was als größte Chance?

! Das größte Risiko hierbei wäre, dass sich nach so einer Verselbstständigung die neue Tochtergesellschaft nicht zu einem neuen Ganzen mit eigenem Bewusstsein entwickelt. Somit bestünde die Gefahr, dass sie kein Dach bildet, unter dem ihre Einrichtungen und Angebote stabile Rahmenstrukturen finden, die es ihnen erlauben, sich inhaltlich und wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Im schlimmsten Fall würden sich dann Dienste rückläufig entwickeln – bis hin zur Schließung. Bei uns ist genau das Gegenteil passiert. Wir haben expandiert. 
Denn das größte Risiko birgt zugleich auch die größte Chance: Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir im Hilfswerk diese Chance ergriffen und ein markantes und eigenständiges Profil entwickelt haben. Dazu bedarf es natürlich auch starker Partner wie der Landeshauptstadt München, dem Bezirk Oberbayern sowie einer sehr leistungsstarken Mitarbeiterschaft.

? Wie hat sich denn die Arbeit in den zehn Jahren im Vergleich zu davor geändert – beispielsweise hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt?

! Die meisten unserer Angebote – insbesondere in der Wohnungslosenhilfe – sind wesentlich stärker ausdifferenziert als zum Zeitpunkt unserer Ausgründung. Das liegt einfach daran, dass alle Verbände und Kostenträger in der Wohnungslosenhilfe lernen mussten, dass zum Beispiel ein Typ von stationärer Einrichtung oder ein Typ von „Betreutem Wohnen“ nicht für jeden Klienten passt. 
Zudem nehmen wir heute mehr und mehr wohnungslose Migranten wahr, gerade aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU wie Bulgarien und Rumänien. Die Wohnungslosenhilfe und damit selbstverständlich auch unsere Einrichtungen müssen sich meines Erachtens für diesen neuen Personenkreis wesentlich stärker öffnen als in der Vergangenheit. Deshalb haben wir es auch Ende 2012 als unsere Aufgabe gesehen, zusammen mit der Landeshauptstadt das Projekt „Kälteschutz“ aufzubauen, in dem wir vorwiegend Menschen aus diesen Ländern in der kalten Jahreszeit einen Schlafplatz sowie Beratung anbieten. Die überwältigenden Belegungszahlen aus den ersten Monaten beweisen, dass das Angebot dringend nötig war. 
Und letztlich hat meines Erachtens das vernetzte Arbeiten in den vergangenen Jahren stark zugenommen – und muss auch noch weiter zunehmen. So braucht es beispielsweise mehr übergreifende Angebote zwischen Wohnungslosenhilfe und Psychiatrie sowie Migrationshilfen. Auch da ist das Evangelische Hilfswerk stets vorne dran mit seinen Angeboten.

BU: EHW-Geschäftsführer Gordon Bürk: „Das Hilfswerk hat in den vergangenen zehn Jahren ein markantes und eigenständiges Profil entwickelt.“

Foto: Klaus Honigschnabel

Drei Fragen an den Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks München.


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