16.07.2009 - Wo Hilfe greifbar wird, wächst Vertrauen

Streetwork im Gemeinwesen zahlt sich aus – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Süddeutsche Institut für empirische Sozialforschung (SINE) im Auftrag des Sozialreferats und des Referats für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt, der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und des Bezirks Oberbayern erstellt hat. 
Im Jahr 2007 beliefen sich die unmittelbar ersparten Kosten für die Landeshauptstadt als Zuschussgeber des Angebots auf ca. 370.000 Euro. Dem stehen Ausgaben von 87.230 Euro für die aufsuchende Sozialarbeit im Hasenbergl und in Haidhausen gegenüber. 
„Die Studie hat den Bedarf und die Wirksamkeit der aufsuchenden Arbeit an den Treffpunkten so genannter Wohnungsflüchter nachgewiesen“, sagt Franz Herzog, stellvertretender Leiter der Teestube „komm“ des Evangelischen Hilfswerks. Die Stadt hat bereits auf die Empfehlungen der Studie reagiert und eine zusätzliche Planstelle geschaffen. Somit gibt es jetzt 2,5 Sozialpädagogenstellen, die sich vier Mitarbeiterinnen teilen. Zudem erhält das Hilfeangebot nun eine Regelförderung. Bisher waren nur 50 Prozent der Bezuschussung vertraglich geregelt, für die andere Hälfte hatte es eine Jahr-zu-Jahr-Förderung gegeben. 
Neben den bisherigen Einsatzorten Michaelibad, Hasenbergl und Haidhausen ist das Team nun auch für die Münchner Freiheit sowie das Sendlinger Tor und die jeweilige nähere Umgebung zuständig. Insbesondere der Brennpunkt Sendlinger Tor hatte in der Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt. 
Nachdem am Orleansplatz Kameras installiert wurden und die Polizei häufig Kontrollen, verbunden mit Platzverweisen und -verboten machte, haben einige so genannte Stammsteher ihren Platz zum Sendlinger Tor verlagert. Viele Geschäftsleute und Passanten hatten sich daraufhin unter anderem beim Bezirksausschuss beschwert. 
„Die Zustände am Orleansplatz waren schon wegen der Anzahl und Größe unterschiedlicher Gruppen tatsächlich nicht mehr tragbar“, sagt Franz Herzog. Es kam zu Rangeleien unter den Betroffenen, und viele Bürger hätten sich dort nicht mehr sicher gefühlt. Ein Problem, das Streetwork nicht kurzfristig hätte lösen können: „Wir haben einen Hilfeauftrag, keinen ordnungspolitischen.“ Dennoch liegt den Streetworkern viel an guten Kontakten zu den Einsatzkräften der örtlichen Polizeiinspektionen. 
Mit ihrem Konzept tragen die Sozialarbeiter auch dazu bei, die Stadtteile zu befrieden. Sie unterstützen Menschen auf dem Weg zur Suchtberatung und -behandlung, verhindern, dass sie ihre Wohnung verlieren, und beraten sie in Gesundheitsfragen. Franz Herzog: „Wir kennen Leute, die seit zehn Jahren nicht mehr beim Arzt waren, obwohl sie chronisch krank sind.“ 
Bei welchem dieser Themen dabei der Schwerpunkt liegt, hängt ganz vom jeweiligen Klienten ab: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“ Bei vielen spielt Alkoholmissbrauch eine Rolle. Aber sie blocken zunächst häufig ab, wenn eine Sozialpädagogin sie auf das Problem anspricht. 
Dann knüpft sie vielleicht bei einem anderen Thema an, etwa dem Schwarzfahren mit der U-Bahn. Um zu verhindern, dass der Betroffene in Haft muss, kann der Streetworker sich für eine Ratenzahlung einsetzen oder ihn in ein Programm wie „Schwitzen statt sitzen“ vermitteln, das auf dem Prinzip Arbeit statt Strafe beruht und zudem eine geregelte Tagesstruktur schafft. Franz Herzog: „So wird Hilfe greifbar, und das Vertrauen wächst.“ 
Und das ist wichtig, denn das Hilfeangebot beruht auf freiwilliger Basis. Man könne niemanden zu einem bestimmten Verhalten zwingen: „Aber wir können spiegeln, welche Konsequenzen welches Verhalten hat.“ 
Neben der finanziellen Ersparnis für die Landeshauptstadt schafft Streetwork im Gemeinwesen auch einen sozialen Mehrwert für suchtkranke oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen: „Hier erleben sie, dass sie es wert sind, dass man ihnen hilft“, so Franz Herzog. Wer ihnen zum Beispiel die Verantwortung dafür zutraut und überträgt, dass es an dem öffentlichen Platz, an dem sie sich aufhalten, sauber bleibt, trägt dazu bei, dass sie sich besser integrieren und nicht als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen. Und dazu, dass sozialer Friede einkehren kann.

Diana Riske

Streetwork im Gemeinwesen: Wirksame Hilfe für Wohnungslose.


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