16.07.2009 - Opfer schützen, Tätern helfen - und Kosten sparen

Als die Psychotherapeutische Fachambulanz für Sexualstraftäter im vergangenen September eröffnet wurde, war die Medienresonanz riesig: Alle Münchner Zeitungen berichteten in großer Aufmachung, der Hörfunk war da und sogar das Fernsehen zeigte einen Beitrag. „Sexualstraftaten sind ein öffentlich stark emotionalisiertes Thema“, sagt Markus Feil, Leiter der Fachambulanz. 
Dabei stehen das große öffentliche Interesse und die Darstellung in den Medien im Missverhältnis zur Kriminalstatistik: Mit einem Anteil von 0,9 Prozent an allen erfassten Delikten (wie Gewalt– oder Eigentumsdelikten) sind Sexualstraftaten statistisch gesehen ein verhältnismäßig kleines Problem. 
„Bei etlichen Tätern kommt es zu einer psychosozialen Verelendung bis hin zu Suizidversuchen oder eben erneuten Straftaten, wenn es für sie nach der Haftentlassung keine angemessenen therapeutischen Angebote gibt“, sagt Markus Feil. 
Aber genau an denen hat es bisher gemangelt: Viele niedergelassene Therapeuten machen um Sexualstraftäter einen großen Bogen. Diese Versorgungslücke schließt nun die Fachambulanz. 
„Mit der Vollverbüßung der Strafe ist die Verantwortung der Justiz für den Verurteilten nicht beendet“, hatte Bayerns Justizministerin Beate Merk bei der Eröffnung der Fachambulanz erklärt. Es sei wissenschaftlich belegt, dass die Rückfallquote bei sozialtherapeutisch behandelten Tätern „um etwa ein Drittel niedriger“ sei als bei unbehandelten, begründete Merk ihr Engagement für die Fachambulanz, in die das Ministerium 300.000 Euro pro Jahr investiert; die Finanzierung ist zunächst auf drei Jahre befristet. Ein Tag in Haft kostet ca. 70 Euro und damit in etwa soviel wie eine Therapiestunde in der Fachambulanz. 
111 Anmeldungen in den ersten acht Monaten – diese Zahl hat alle Erwartungen übertroffen und lässt Markus Feil und seine Kollegin Julia Pickert bereits jetzt an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen: „Wir können 60 bis 70 Klienten gleichzeitig adäquat versorgen“, so Feil. Das Justizministerium hat bereits reagiert und eine weitere Dreiviertelstelle für einen Psychotherapeuten genehmigt. 
Um den großen Bedarf in Bayern zu decken, plant das Justizministerium zwei weitere Ambulanzen: Im September eröffnet eine Ambulanz in Nürnberg; Träger ist die Stadtmission. Für eine dritte Einrichtung in Nordbayern gibt es noch keinen Träger. 
Die große Nachfrage täuscht nicht darüber hinweg: Die meisten Klienten kommen nicht freiwillig. Sie haben eine Behandlungsauflage und müssen eine Therapie machen. Für diese Klienten braucht man einen langen Atem, bei manchen müssen Feil und seine Kollegin erst einmal Problembewusstsein und Therapiefähigkeit schaffen. 
Dennoch erzielt die Fachambulanz gerade bei den Therapieverweigerern, die in der Haft alle derartigen Angebote abgelehnt haben, gute Erfolge: „Wir haben eine Anbindungsquote von 70 bis 80 Prozent“, so Feil. Das heißt, so viele kommen auch nach dem Erstgespräch weiter in die Ambulanz. 
Wenn ein Klient die Therapie abbricht, meldet die Fachambulanz das dem zuständigen Bewährungshelfer, der die so genannte Fallverantwortung hat. Die äußerste Konsequenz für Klienten, die die Therapieweisung nicht einhalten, ist nach derzeitiger Rechtslage eine erneute Inhaftierung.


Ziel der Fachambulanz ist in erster Linie, einen Rückfall zu verhindern. Für die Gesellschaft bedeutet dies präventiven Opferschutz und es hilft dem Betreffenden, ein Leben in Freiheit zu führen. Das heißt auch, dass der Täter nach der verbüßten Strafe, die seine Schuld ausgleicht, wieder als gleichberechtigter Teilnehmer in der Gesellschaft leben kann. 
„Überlässt man die Täter nach der Haft einfach sich selbst, schaffen sie das aus eigener Kraft oft nicht“, weiß Markus Feil. Das kann für die Gesellschaft zu erheblichen Folgekosten führen: Kosten im Gesundheitssystem, um psychische Auffälligkeiten zu behandeln; Arbeitslosengeld, weil der ehemalige Strafgefangene nicht arbeitsfähig ist oder Zahlungen für eine erneute Inhaftierung, wenn der Täter eine neue Straftat begeht. 
Hinzu kommen Kosten, die entstehen, weil das Opfer unter psychischen Schäden leidet und vielleicht nicht arbeiten kann. Auch die Arbeit der Ermittlungsbehörden kostet Geld. 
Alle Täter für immer wegzusperren, wie es ein Teil der Öffentlichkeit fordert, hält Feil für die falsche Lösung: „Haft allein verändert keine Sexualproblematik, und sie verursacht gesellschaftliche Folgekosten.“ Etwa 60 Prozent der Straftaten passieren im Nahfeld, d.h. Täter und Opfer kennen sich. Markus Feil: „Der Täter ist meist nicht der Fremde, der sich hinterm Busch versteckt, sondern ein Verwandter oder Bekannter.“ 
Er beschreibt einen typischen Fall aus dieser Tätergruppe: Der Vater missbraucht seine leibliche Tochter in einem bestimmten Zeitraum sexuell; davor oder danach fällt er nie wieder durch eine sexuelle oder andere Straftat auf. Nachdem er eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt hat, verhängt das Gericht ein Kontaktverbot über ihn gegenüber Ehefrau und Tochter, das die Ehefrau jedoch von sich aus bricht. „Sie hat wahrscheinlich schon damals, als ihr Mann die Taten begangen hat, die Augen verschlossen und so den Missbrauch schweigend gebilligt“, so Markus Feil. 
In solchen Fällen ist eine Familientherapie zu überlegen, in die auch die Tochter als Opfer mit eingebunden ist. „Wenn die Eltern so stark darauf hinarbeiten, ihre Beziehung wiederherzustellen, geht es für den Therapeuten darum, für das Opfer Partei zu ergreifen“, erklärt Feil. Die Tochter muss herausfinden, ob – und wenn ja, wie – sie ihren Eltern wieder begegnen oder gar mit ihnen zusammenleben kann. Markus Feil: „Es geht darum zu verhindern, dass sich bei den Eltern die verleugnende Sicht verfestigt: ‚Ohne die Tochter wäre alles okay, eigentlich ist sie das Problem.’“ 
Die zweite Gruppe sind so genannte dissoziale Täter, die es mit gesellschaftlichen Werten, Normen und auch dem Gesetz nicht so genau nehmen. 
„Bei dieser Gruppe verschwimmt oft die Grenze zwischen Therapie und Pädagogik“, erklärt Markus Feil. Therapiesitzungen alleine reichen zur Veränderung für sie nicht aus: Diese Klienten brauchen eine Art Lebenscoaching. Ideal ist für sie etwa die Kombination einer Therapie in der Fachambulanz und einem Platz im Bodelschwingh-Haus des Evangelischen Hilfswerks. Das stationäre Angebot hilft straffällig gewordenen Männern, ihr Leben selbstständig, im Einklang mit den gesellschaftlichen Normen und eigenverantwortlich zu bewältigen. 
Bei der dritten Gruppe liegt eine Perversion, also eine psychosexuelle Störung im engeren Sinne, vor. Diese Täter zeichnen sich durch eine mangelnde Beziehungsfähigkeit aus, sind aber oft gut integrierte Mitglieder der Gesellschaft. Sie haben das höchste Rückfallrisiko und weisen am häufigsten eigene sexuelle Missbrauchserfahrungen auf. 
Gemeinsam mit den Tätern, die zu ihnen kommen, arbeiten Markus Feil und Julia Pickert daran, diesen ein lebenswertes Leben draußen zu ermöglichen und zu verhindern, dass sie rückfällig werden und so Leid über sich und andere bringen. 
Ob diese Arbeit erfolgreich ist? Markus Feil: „Unser Erfolg sind Ereignisse, die nicht eintreten. Wie soll man die messen?“

Diana Riske

*Quelle: Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik 2007

BU: Diplom-Psychologe Markus Feil hilft entlassenen Sexualstraftätern, ihr Leben in Freiheit selbstbestimmt zu führen.

Fachambulanz begleitet Sexualstraftäter nach der Haft auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.


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