16.04.2014 - Wir versuchen, die Menschen im System zu halten

Die Armutszuwanderung aus Süd- und Osteuropa stellt die Stadt vor neue Herausforderungen. Im November vergangenen Jahres eröffnete sie in Zusammenarbeit mit der Inneren Mission die Beratungsstelle „Schiller 25“. Deren Mitarbeiter kümmern sich um die Einweisung in die Kälteschutzräume und klären die Menschen über ihre Perspektiven in München auf.  

Weil auch zunehmend Familien mit Kindern nach München kommen, hat die Stadt im Januar nachgelegt: Schwangere und Mütter mit Kindern werden nun auch nachts untergebracht, wenn die Kälteschutzregelung nicht greift. Zudem gibt es ein vom Evangelischen Hilfswerk organisiertes Tagesangebot für die Familien. Hier bekommen sie täglich von 10 bis 16 Uhr etwas zu essen und werden beraten, während die Kinder spielen können.
Derzeit sind es sieben Familien, die regelmäßig kommen, darunter Dumitru Popa*. Seit ein paar Wochen ist der Rumäne mit seinem Sohn und seiner Frau in München. In Deutschland, da sei alles besser, erzählt man sich in Rumänien. Hier gebe es Arbeit, die Möglichkeit, sich ein besseres Leben aufzubauen. 
Schlechter als zu Hause kann es kaum sein. Dumitru Popa hat auf Baustellen gearbeitet und als Fahrer. Etwa 150 Euro hat er pro Monat verdient. Rund zehn Euro Kindergeld bekamen sie für ihren Sohn. Zu wenig zum Leben. Die Kosten für Lebensmittel sind fast so hoch wie in Deutschland. Zurück in die Heimat? Dumitru Popa schüttelt den Kopf.  Nein, zurück in sein rumänisches Heimatdorf in die Nähe von Bukarest möchte er nicht mehr. „Dort gibt es keine Perspektive für uns“, sagt der 35-Jährige und schaut auf seinen sechsjährigen Sohn Marian*, der ein Spielzeugauto über den Boden schubst.
Seine Frau ist gerade bei einem Bewerbungsgespräch. Er selbst beugt sich über Deutsch-Arbeitsblätter. Emanuela Englert von der Beratungsstelle „Schiller 25“ hilft ihm beim Lernen. „Ich erkläre allen, dass Deutsch die Basis für einen Neuanfang hier ist“, sagt sie. Rückkehrberatung, die sich die Stadt für die Familien wünscht, wird nicht in Anspruch genommen. „Niemand will zurück“, sagt Englert. „Dort gibt es noch weniger für die Familien als hier.“ Als billige Arbeitskräfte finden viele einen Job hier, auch wenn der Lohn für eine Unterkunft nicht reicht. 
Wie auch bei Lucia Faraji, die an diesem Tag mit ihrem 18 Monate alten Sohn Aziz in der Tagebetreuung ist. Anfang November war die 37-Jährige aus Portugal nach München gekommen. Ihr Mann hatte schon zuvor Arbeit bei einer Reinigungsfirma gefunden und teilt sich in einem Arbeiterwohnheim ein Zimmer mit zwei anderen Männern. 
Die Familie wollte nicht länger getrennt sein. Doch dass es so schwierig werden würde, hatte Lucia Faraji nicht gedacht. In den Notunterkünften wies man die Mutter ab. Erst nach sechs Monaten habe sie Anspruch auf ein Notquartier. In den kalten Nächten konnte sie immerhin in der Pension schlafen. Hatte der Kälteschutz geschlossen, war sie anfangs nachts mit ihrem eineinhalb Jahre alten Sohn im Kinderwagen auf der Straße unterwegs.
Nach Deutschland zu gehen, war die Idee ihres Mannes gewesen. Er spricht fünf Sprachen, darunter Deutsch. In Portugal hatte er als Maschinenkonstrukteur gearbeitet, seine Frau in einem Restaurant. Die Familie führte ein ganz normales Leben, wohnte in einem Haus. „Doch dann kam die Wirtschaftskrise“, sagt Lucia Faraji. Beide verloren erst ihren Job, dann das Haus, standen plötzlich vor dem Nichts. 
Hier arbeiten nun beide bei einer Reinigungsfirma. Die Mutter nachts, der Vater tagsüber. „Wir sehen uns kaum, vor allem der Kleine leidet darunter.“ 450 Euro verdient jeder von ihnen monatlich – zu wenig für eine Wohnung und ein normales Leben. Doch aufgeben wollen sie nicht. Ab April hat ihnen die Stadt den Umzug in eine Notunterkunft in Aussicht gestellt. Ob es klappt und ob die Familie zusammen unterkommt, ist fraglich. Die Notunterkünfte platzen aus allen Nähten.
Die Mitarbeitenden des Evangelischen Hilfswerks versuchen zu helfen. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Denn Anspruch auf Sozialleistungen hat keine der Familien. „Wir versuchen dennoch, die Menschen im System zu halten“, sagt Andrea Betz, Bereichsleiterin beim Evangelischen Hilfswerk. Es gehe auch darum, zu verhindern, dass die Kinder zum Betteln auf die Straße geschickt würden. Stattdessen sollen sie Kita oder Schule besuchen. Bei einigen Kindern haben sie das schon geschafft. Wie es weitergeht, ist unklar. Denn täglich können neue Familien in München ankommen. Klar ist nur: Das Angebot soll auch nach dem 31. März, bestehen bleiben, wenn der Kälteschutz endet. 

 

Doris Richter
* Namen von der Redaktion geändert

Seit Januar gibt es bei Schller 25 auch ein Tagesangebot für Familie


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