16.03.2013 - Das sind Menschen, denen es egal ist, ob sie zuhause erfrieren oder hier

Zurück nach Hause? – Verächtlich stößt Elena* Luft durch die Lippen. „Was soll ich da?“ Vor fünf Monaten ist die 37-Jährige aus Bulgarien nach München gekommen. Auf der Suche nach Arbeit, Leben, Perspektive. Zumindest bis morgen früh um neun ist diese gut: eine Matratze, saubere Bettwäsche, ein Handtuch, ein warmes Zimmer, die Möglichkeit zu duschen und ein Frühstück. 

Das, was für die meisten Menschen Normalität bedeutet, ist für die Menschen, die an diesem Abend vor dem Haus Nummer 9 auf dem Gelände der ehemaligen Bayern-Kaserne Schlange stehen, etwas Besonderes. Seit dem 1. Dezember nutzt die Stadt das ehemalige Kasernengebäude im Münchner Norden als Kälteschutzraum für Obdachlose. Seit die Temperaturen nachts beständig unter die Nullgradgrenze sinken, steht täglich ab 17 Uhr Haus 9 für Menschen wie Elena offen. 
Die meisten von ihnen stammen wie sie aus Osteuropa, suchen hier in München Arbeit und leben überwiegend auf der Straße. Sie schlafen in Hauseingängen, Abrisshäusern, unter der Brücke. „Viele haben sich in ihrer Heimat aus der Mülltonne ernährt“, sagt Anton Auer, Bereichsleiter Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe Männer beim Evangelischen Hilfswerk München, das für die Organisation des Hauses und die Betreuung der Menschen zuständig ist. „Das sind Menschen, denen es egal ist, ob sie zu Hause erfrieren oder hier.“ 
Das zu verhindern, dafür sind Auer und sein Team vor Ort. Und es geht um mehr als das. Drei Sozialpädagoginnen, verteilt auf zwei Vollzeitstellen, sollen die Menschen beraten, ihre Situation klären und ihre Perspektive, die sie in München haben – oder eben nicht. „Die meisten haben keine, doch sie wollen trotzdem nicht zurück, denn zu Hause haben sie erst recht keine“, sagt Auer.
Genau das ist das Problem: Immer mehr Menschen aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern suchen in München ihr Glück. Die Zahl der Obdachlosen steigt. Die Notunterkünfte sind voll. Viele derer, die jetzt in die Bayern-Kaserne kommen, haben eigentlich keinen Anspruch auf Hilfe von der Stadt. Doch erfrieren lassen will sie trotzdem keiner. So musste schnell eine Lösung her. 
Im November beschloss der Stadtrat das Kälteschutz-Programm und stellte dafür eine halbe Million Euro pro Jahr zur Verfügung. Am 1. Dezember sperrte Anton Auer das Haus 9 zum ersten Mal auf. Kaum eröffnet wurde der Platz auch schon wieder knapp. 170 Plätze waren ursprünglich geplant. Innerhalb kurzer Zeit wurde mehr als 200 aufgestockt. Zum Teil wurden zusätzliche Betten in die Zimmer gestellt. In einem Nebengebäude entstanden zwei große Extra-Schlafsäle.  
Die ganze Nacht über werden in der Bayern-Kaserne Menschen aufgenommen. Geschickt haben sie die Bahnhofsmission, das Wohnungsamt oder die Teestube „komm“, die sich um Obdachlose kümmert. 
Am Empfang verteilt Sozialpädagogin Franziska Liegl die Zimmer. Rechts im Erdgeschoss, gleich neben dem Wachdienst, schlafen die Frauen. Oben links die Rumänen, oben rechts die Bulgaren. „Die kommen nicht gut miteinander aus“, sagt Auer. In den anderen Zimmern nächtigen Afghanen, Polen, Italiener, nur wenige Deutsche sind dabei. Ein Wachdienst sorgt für Ordnung. 
Auf Diskussionen, wer mit wem auf ein Zimmer möchte, lässt sich Franziska Liegl erst gar nicht ein. „Das hier ist kein Hotel.“ 
Unangenehm ist die Atmosphäre im Haus trotzdem nicht. Alles ist sauber. Innerhalb kürzester Zeit hat die Stadt die Räume, Bäder und Toiletten renoviert. Die Stockbetten sind noch vom Militär, ebenso die Spinde. Vier bis neun Betten stehen in den Räumen. Gegenüber vom Empfang bekommen die Menschen Decken, Bettwäsche, ein Handtuch, Shampoo. Viele nutzen die Gelegenheit, warm zu duschen.
Am Morgen, beim Frühstück im ehemaligen „Offiziersheim“, setzen sich die Sozialpädagoginnen, die unter anderem Bulgarisch und Rumänisch sprechen, zu den Menschen an den Tisch. Versuchen, ihnen weiterzuhelfen. „Am Anfang waren viele verschlossen und abweisend“, sagt Franziska Liegl. „Wenn sie dann vier Nächte in einem warmen Bett geschlafen haben, tauen sie förmlich auf.“ 
Dann tasten sich die Sozialpädagoginnen langsam vor. Haben die Leute eine Ausbildung? Wo könnten sie unterkommen? Welche Vorstellungen haben sie von ihrem Leben in Deutschland? „Manchmal haben wir dann schon eine Idee“, erzählt Liegl. Etwa bei dem rumänischen Altenpfleger, der mit guten Zeugnissen nach Deutschland gekommen ist, die er sogar schon hatte übersetzen lassen. „Pfleger werden doch überall gesucht, vielleicht können wir da vermitteln“, sagt Franziska Liegl. 
Mit dem Kälteschutz endet die Begleitung der Menschen nicht. Die Stadt finanziert die Sozialpädagogen das ganze Jahr. Doch Fälle wie der rumänische Altenpfleger sind selten. „Den meisten können wir nicht wirklich helfen“, sagt Auer. Doch solange es keine Hilfesysteme in den Herkunftsländern gebe, mit denen man zusammenarbeiten könne, seien die Menschen schwer zu einer Rückkehr zu bewegen. „Da ist die Politik gefragt, Lösungen zu finden“, sagt Auer. 

Doris Richter
* Name von der Redaktion geändert

BU: Im Haus 9 gibt es für jeden frische Laken – und ein warmes Bett .

Foto: Michael Nagy/Presseamt München

Der Kälteschutzraum in der Bayern-Kaserne bietet ein Obdach in kalten Nächten.


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