14.03.2013 - Die Fremde zu einem vertrauensvollen Ort machen

Kinder sind unsere Zukunft und Mütter öffnen die Tür dorthin – wenn sie ausreichende Unterstützung erfahren. Das ist eine der Grundlagen für die Mutter-Kind-Gruppe des Frauenobdachs Karla 51. Seit März 2003 gibt es sie schon – so lange wie das Evangelische Hilfswerk besteht. Angefangen haben wir in der Pension Englmannstraße, um die Situation für wohnungslose Mütter und Kinder, die Karla 51 in dieser vorübergehenden Unterkunft betreut, zu verbessern. Seit 2010 setzen wir unsere Arbeit in einer Pension in der Waltramstraße fort, dabei finanzieren wir uns nur durch Spenden.

In der Gruppe haben Kinder zwischen zwei und sechs Jahren für ein paar Stunden am Tag die Möglichkeit, Kind zu sein, das soziale Miteinander auszuprobieren und ihre Phantasie und Kreativität zu erproben. Wir singen mit den Kindern, lesen ihnen vor, üben Kinderreime ein und bringen ihnen damit spielerisch die deutsche Sprache bei – denn mittlerweile kommen mehr als 90 Prozent der Familien, die wir betreuen, aus dem Ausland. 
Im Monat haben wir etwa 140 Kontakte zu Müttern und ihren Kindern. Wir unterstützen dabei auch die Mütter individuell. Oftmals sind sie aufgrund der traditionellen Rollenverteilung, die in ihren Herkunftsländern herrscht, in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Wir ermutigen die Frauen, sich mit ihrer Situation aktiv auseinanderzusetzen und nach Wegen aus der Isolation zu suchen. Unter anderem vermitteln wir Deutschkurse, machen gemeinsame Unternehmungen und unterstützen die Frauen dabei, sich fortzubilden oder zu arbeiten. 
Die Mütter tauschen sich aus und helfen sich gegenseitig. Besonders bei gemeinsamen Unternehmungen entwickeln sich gute Beziehungen zwischen den Müttern, die oft von Dauer sind. So wie im Fall von Alia Jarrar* aus Jordanien. Mit ihrem Mann wohnt sie seit anderthalb Jahren in der Pension Waltram. Immer wieder schlägt er sie und das Kind – sie möchte sich von ihm trennen. 
Er erklärt ihr glaubhaft, dass die Scheidung in Jordanien schneller und einfacher geht. Dort angekommen, nimmt er ihr sofort die Pässe ab. Er bringt sie zu seiner Familie und schlägt vor den Anwesenden auf sie ein. 
Sie rafft allen Mut zusammen, flieht zu ihrer Schwester und ruft bei Karla 51 an. Aber: Ohne Papiere kann sie nicht ausreisen. Ein Visum gibt es nur in der dortigen Deutschen Botschaft. Termin zur Antragstellung: nicht unter sechs Wochen Wartezeit. Mittlerweile haben sich ebenfalls drei Frauen aus der Mutter-Kind-Gruppe gemeldet und bitten um Hilfe für Alia Jarrar. Sie hat einer ihrer Zimmernachbarinnen in der Pension Kopien der Pässe aller Familienmitglieder zur Aufbewahrung gegeben – wahrscheinlich hatte sie schon den Verdacht, dass ihre Rückkehr nicht so einfach werden würde. Alle Unterlagen, die für ein Visum notwendig sind, liegen in Kopie vor. 
Der Kontakt zur Deutschen Botschaft in Jordanien per E-Mail ist schnell hergestellt. Das Personal dort zeigt sich sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Jeden Tag telefonieren wir: Alia Jarrar, die drei anderen Mütter, die Deutsche Botschaft und ich – die Drähte glühen. 
Mithilfe dieses Netzwerkes kann Alia Jarrar gemeinsam mit ihrem Sohn innerhalb von 14 Tagen nach Deutschland zurückkehren. Nicht auszudenken, was ohne dieses Zusammenwirken aus ihr geworden wäre. 
 
Juliana Wittal
Leiterin der Mutter-Kind-Gruppe
* Name von der Redaktion geändert
 
BU: Gemeinsame Ausflüge in den Tierpark gehören zum festen Programm der Mutter-Kind-Gruppe
 
Foto: Karla 51

Seit zehn Jahren bietet das Frauenobdach Karla 51 eine Mutter-Kind-Gruppe an.


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