13.07.2010 - Maria lächelt - und alle Kinder lächeln mit

Maria Riesch lächelt so, wie Siegerinnen lächeln, wenn sie gerade einen Wettkampf gewonnen haben. Doch beim Lächeln kommt die Doppel-Olympiasiegerin und Slalom-Weltmeisterin aus Garmisch gegen Azinza, Fosia, Kimberly und Whitney nicht an. Schließlich gibt sie sich geschlagen. „Mei, sind die Kinder süß“, sagt sie, als irgendwann an dem Nachmittag im Frauenobdach Karla 51 alle um sie herum wuseln und ganz ausgelassen in die Kameras winken.
Die Sportlerin, die so oft ganz oben auf dem Siegertreppchen gestanden hatte, besucht Frauen, denen das Leben eher einen Platz weiter unten zugedacht hat: Sie sind obdachlos, arbeitslos, haben Probleme mit Alkohol und Drogen; meist wurden sie von ihren Partnern geschlagen. Und ihre Kinder leiden darunter ganz besonders. Als erste Botschafterin des Vereins BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“, der Hilfsorganisation der BILD-Zeitung, überbrachte sie einen Scheck in Höhe von 10.000 Euro. Mit dem Geld, so Karla-Leiterin Isabel Schmidhuber, solle vor allem die Mutter-Kind-Gruppe der Pension „Waltram“ in München-Giesing unterstützt werden, wo das Frauenobdach eine Außenstelle unterhält.
Kein Problem mit der prominenten Besucherin haben die Kinder, die an diesem heißen Juli-Nachmittag zu der kleinen Feier im Garten gekommen sind. „Schwitzt Du? fragt die siebenjährige Fosia aus Togo und wischt Maria Riesch gleich mit der Hand über die Stirn. Ein anderes Mädchen bewundert ihre Ohrringe, an denen rote und gelbe Federn baumeln.
Und Marvin, 10, stellt ihr wie aus der Pistole geschossen ganz cool die klassischen Reporterfragen: „Welchen Platz hattest Du beim letzten Mal? Wie oft bist Du schon gefahren? Was war Deine Bestzeit?“ Der Ski-Star beantwortet alles ganz profimäßig und Marvin erfährt von ihr, dass sie im Winter in Vancouver zweimal Gold gewonnen hatte, seit ihrem dritten Lebensjahr auf den Skiern steht und dass das mit der Bestzeit an jedem Berg irgendwie anders ist.
Später – da hatte die 25-Jährige schon den Kinderkleider-Flohmarkt eröffnet, bei dem sich die Frauen eindecken, bekommt Marvin dann noch ein Autogramm aufs grüne T-Shirt. Einmal vorne drauf – und weil die Fotografen so schnell nicht sind – noch einmal eines hinten drauf. Marvin ist überglücklich; an die anderen Kinder verteilt Maria Riesch ihre Autogrammkarten.
Ganz bewusst habe sie sich aus einer Handvoll von Vorschlägen das Frauenobdach in der Karlstraße für ihre Botschafter-Tätigkeit ausgesucht, betont Riesch im Gespräch mit dem Diakonie-Report: „Dieses Projekt bewegt mich sehr, denn als Frau kann ich mich mit Müttern in Not besonders identifizieren.“ Sie hoffe, dass sie es mit Unterstützung des Vereins künftig besser haben.
Ein Zimmer im ersten Stock des Hauses sieht sie sich dann auch gleich noch an: Auf elf Quadratmetern lebt hier eine Frau aus Benin mit ihrem zwei Jahre alten Sohn und dem Baby, das vor zwei Wochen auf die Welt gekommen ist. Der Ski-Star dreht sich ein paar Mal in dem Mini-Zimmer um und macht große Augen: „Das ist ja total klein – aber ganz liebevoll und superordentlich eingerichtet.“
Zehn Frauen wohnten hier auf jedem Stockwerk, erläutert Isabel Schmidhuber; vier Stockwerke mit Appartements gibt es. Vierzig unterschiedliche Schicksale auf engstem Raum, die die Sozialpädagoginnen von Karla 51 innerhalb von acht Wochen soweit geklärt haben sollen, dass dann feststeht, wie es weitergeht im Leben. Bei den meisten schaffen sie das auch.
Im Herbst will Maria Riesch wieder herkommen in die Karlstraße 51 und sehen, wie es den Müttern im Frauenobdach geht – auch wenn da schon viele Trainings für die nächste Skisaison anstehen. Denn ein paar Mal will sie schon noch ganz oben stehen auf dem Siegertreppchen.

Klaus Honigschnabel
 

Foto: Theo Klein

Maria Riesch, die Doppel-Olympiasiegerin und Slalom-Weltmeisterin aus Garmisch, besucht das Frauenobdach Karla 51.


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