13.07.2010 - Das Doppelleben macht uns Huren krank

Evangelische Prostituierten-Beratungsstelle "Mimikry" feiert 20-jähriges Bestehen.Silberne High-Heels, schwarze und rote Lederpeitschen, Handschellen: Diese – und andere – im kirchlichen Raum eher ungewöhnlichen Utensilien konnten die Festgäste begutachten, während sie mit Sekt und Orangensaft zum 20. Geburtstag von „Mimikry“ anstießen. Doch bei dem Geburtstagskind handelt es sich auch um eine eher ungewöhnliche Einrichtung: Die zum Evangelischen Hilfswerk München gehörende Dienststelle berät und unterstützt seit 20 Jahren Frauen, die anschaffen.
Die Wurzeln dieses Angebots reichen jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück: Bereits 1935 gründete Wilhelm Knappe, Pfarrer an der Matthäuskirche, die „Mitternachtsmission“, die sich um „gefallene Mädchen“ kümmerte; später übernahmen Diakonieschwestern diese Aufgabe. Seit 1990 gibt es ein sozialpädagogisches Konzept und fachlich geschultes Personal. Bürgermeister Hep Monatzeder (Bündnis 90/Grüne) dankte denn auch im Namen der Stadt für die „ausgezeichnete und engagierte Arbeit“, die die Mimikry-Mitarbeiterinnen vollbringen.
Obwohl sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten vieles geändert habe, seien Prostituierte nach wie vor „von Stigmatisierung und Ausgrenzung betroffen“. Frauen im Rotlichtmilieu arbeiteten am Rande der Gesellschaft, seien sozial isoliert und etliche auf Hartz IV angewiesen. Das weltoffene München sei in dieser Hinsicht „eher hinterwäldlerisch“, kritisierte Monatzeder. Dazu komme, dass die bayerische Landeshauptstadt die „bundesweit rigideste Sperrbezirksverordnung“ habe.
Stephanie Klee, Sexarbeiterin und Diplom-Sozialarbeiterin aus Berlin, sagte, Frauen zahlten in der Sexbranche einen hohen Preis: „Die fehlende Ausbildung lässt uns dumm bleiben und das Doppelleben macht uns Huren krank.“ Für Aussteigerinnen gebe es wenig Unterstützung: „Die wenigsten schaffen es, ins normale Leben zurückzukehren.“
Gleichzeitig plädierte sie für eine bessere Ausbildung im „ältesten Gewerbe der Welt“. So gebe es bereits seit längerem in Berlin und vom 1. Juli an auch in Hamburg, Frankfurt und Bochum Trainerinnen, die gezielt in Bordelle gehen und dort informieren. „Während nebenan gearbeitet wird, sprechen sie mit den Frauen über Steuern, Krankenversicherung und die EU-Arbeitsverordnung.“ Die entsprechenden Zertifikate würden die Bordellbesitzer in Berlin „ganz stolz in den Küchen ihrer Etablissements aufhängen“. Solche kleinen Schritte sollten flächendeckend angeboten werden. „Wer mit Informationen klug gemacht wurde, ist auch stark genug, um sich zu solidarisieren.“
Für das Evangelische Hilfswerk, ein Tochterunternehmen der Inneren Mission München, hob Geschäftsführer Gordon Bürk die hochprofessionelle Arbeit der Beratungsstelle hervor, die mit den „früheren Omnibusfahrten zu oberbayerischen Kirchenveranstaltungen“ nichts mehr gemein habe. Der diakonische Auftrag wende sich an alle Menschen und diskriminiere nicht nach moralischen Wertungen. Dazu gehöre es auch, in einem schwierigen Arbeitsfeld „aktiv helfende Nächstenliebe zu leisten ohne moralisch den Zeigefinger zu erheben“. Zudem biete „Mimikry“ auch Ausstiegshilfen für Frauen an, die dem Druck nicht mehr standhielten. Bürk dankte der Landeshauptstadt München und dem Bayerischen Gesundheitsministerium für deren Unterstützung.

Klaus Honigschnabel

 

Foto: Isabel Hartmann

 


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