12.04.2012 - Die eigene Gefährlichkeit erkennen

Neuland betreten hat das Evangelische Hilfswerk, als es im Auftrag des bayerischen Justizministeriums im September 2008 die Fachambulanz für Sexualstraftäter eröffnete: Die Einrichtung war die erste ihrer Art in Bayern und auch eine der ersten bundesweit. Einen „Meilenstein“ nannte denn auch die bayerische Justizministerin Beate Merk die Eröffnung der Einrichtung in der Nähe des Hauptbahnhofs. Ihr Ministerium hat die Arbeit der Fachambulanz finanziert; allerdings war die Unterstützung erstmal auf drei Jahre begrenzt. Jetzt ist die Fachambulanz von einem Modellprojekt in eine dauerhafte Einrichtung umgewandelt worden.

„Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Fachambulanz aus der therapeutischen Versorgungslandschaft für verurteilte Sexualstraftäter in Bayern nicht mehr wegzudenken ist“, resümiert Justizministerin Merk. „Mit ihr wird die ambulante therapeutische Betreuung verurteilter Sexualstraftäter erheblich verbessert.“ Davor hätten häufig Schwierigkeiten bestanden, für diesen Personenkreis zeitnah eine geeignete Hilfe durch entsprechend spezialisierte niedergelassene Therapeuten zu finden. „Der Zulauf an Klienten war von Beginn an so groß, dass die therapeutischen Kapazitäten zwischenzeitlich sogar deutlich ausgebaut werden mussten“, so Merk.

476 Klienten – zwischen 17 und 77 Jahren – hätten sich seit der Gründung bei der Fachambulanz gemeldet, sagt deren Leiter Markus Feil (Foto). Mehr als die Hälfte haben Straftaten an Kindern verübt, von Kinderpornographie bis zu sogenannten Hands-on-Delikten. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Erwachsener machen einen weiteren Schwerpunkt aus. Und: Meistens haben sich Täter und Opfer gut gekannt.

„90 Prozent der Leute, die kommen, sind weisungsgebunden“, sagt Feil. Das heißt, sie haben eine gerichtliche Auflage, dass sie nach ihrer Haft oder als Bewährungsauflage eine Therapie absolvieren müssen. Aber: „Nicht immer muss in diesen Fällen eine Therapie gemacht werden“, haben die Mitarbeiter der Fachambulanz festgestellt. „Da müssen wir erst einmal herausfinden, wer wirklich eine Therapie bei uns braucht.“ Denn nur 20 Prozent der Sexualstraftäter seien rückfallgefährdet und damit gefährlich. „Für die sind wir zuständig“.

Deshalb haben Feil und seine Kollegen ein Procedere entwickelt, um die Gefährlichkeit der Klienten zu erkennen. Psychotherapeutische Vorgespräche gehören dazu sowie Tests und die Risikoeinschätzung. Und oft auch Überzeugungsarbeit. Denn: Viele kommen, weil sie müssen – und sind erst mal uneinsichtig. „Aus denen müssen wir kooperative Patienten machen“, sagt Feil. „Da haben wir in der Fachambulanz ganz andere Möglichkeiten als der Psychotherapeut in seiner Praxis.“ So hätten er und seine Mitarbeiter keinen Verdienstausfall, wenn der Patient nicht kommt; außerdem gehören Treffen mit der Bewährungshilfe oder Betreuern zum Leistungsspektrum. Und: Wer sich – trotz Weisung – gegen eine Therapie sperrt, dem droht wieder das Gefängnis.

Ist der Klient einsichtig, beginnen Feil und seine fünf Mitarbeiter mit der Therapie: Warum ist der Klient gefährlich? Was lässt ihn gefährlich werden? Das ergründen sie in der Eingangsphase und versuchen herauszufinden, wo die Gefährlichkeit herkommt. Markus Feil: „Jemand ist zum Beispiel nicht unter Gleichaltrigen anerkannt und kann sich nicht durchsetzen. Er hat das ständige Gefühl, unterdrückt zu sein und weicht auf Kinder aus.“ Dann gehe es darum, die soziale Kompetenz zu entwickeln, sich an Gleichaltrige heranzutrauen.

„Bestimmte psychische Konstellationen kann man nicht verändern“, das weiß der Psychotherapeut. Aber: „Man kann lernen, damit besser umzugehen als bisher.“ Zu „Experten für die eigene Gefährlichkeit“ sollen die Klienten während der Therapie werden. Deshalb entwickeln die Mitarbeiter der Fachambulanz mit ihnen Handlungsalternativen und neue Erlebnisperspektiven – und sensibilisieren sie für sich selber. Sie helfen ihnen zu erkennen, wann sie Hilfe brauchen und wo sie diese rechtzeitig holen können.

Ein- bis zweimal in der Woche kommen die Klienten zum Einzelgespräch – oder in eine der Therapiegruppen. Zwei Jahre dauert eine Therapie im Durchschnitt; in dieser Zeit stehen die Psychotherapeuten auch in engem Kontakt mit den Bewährungshelfern, Wohneinrichtungen, Ehepartnern und Sozialarbeitern. Markus Feils Erfahrung: „Bisher ist bei uns noch keiner aus einer gut laufenden Behandlung heraus rückfällig geworden.“

Wichtig ist auch die Zeit nach der Therapie. Wenn Klienten merken, dass sie es nicht mehr alleine schaffen, dann können sie sich jederzeit wieder an die Fachambulanz wenden – und bekommen auch gleich einen Gesprächstermin. „Wenn sich jemand meldet, bevor er rückfällig wird, zeigt das, dass die Behandlung erfolgreich war“, erklärt Feil.

„Ich bin überzeugt, dass die Fachambulanz mehr Sicherheit in Bayern schafft“, sagt Justizministerin Beate Merk. Den Erfolg bestätige auch eine wissenschaftliche Begleitstudie von Professor Norbert Nedopil von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Studie lobt unter anderem das Qualitätsmanagement und die Kooperation und Vernetzung der Fachambulanz innerhalb der Justiz und mit niedergelassenen Ärzten und Psychiatern.

Mittlerweile hat sich auch bei der ambulanten Behandlung von Sexualstraftätern einiges getan: In Bayern gibt es jetzt nach München auch in Nürnberg und Würzburg eine vom Justizministerium unterstützte  Fachambulanz für Sexualstraftäter.

Isabel Hartmann/ Foto Kurt Bauer

Fachambulanz für Sexualstraftäter: Vom Modellprojekt zur dauerhaften Einrichtung.


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