12.03.2013 - Schluss mit Sex und Lügen

Anna* ist 36 und hat genug. Sie möchte keine Prostituierte mehr sein. Ihre Lackstiefel hat sie zerschnitten, ihre Handynummer gelöscht. Was sie jetzt im Monat verdient, hat sie früher in ein paar Tagen bekommen. Seit fünf Monaten hat sie einen ganz normalen Beruf, aber der Weg dorthin hat lange Zeit gedauert. Ohne Mimikry, sagt Anna, hätte sie es nicht geschafft.

Mimikry ist die Beratungsstelle für anschaffende Frauen, betrieben vom Evangelischen Hilfswerk, einer Tochtergesellschaft der Inneren Mission. Dorthin können sich Prostituierte wenden, wenn sie Hilfe brauchen oder ganz aussteigen wollen. „Ich habe alleine probiert aufzuhören“, sagt Anna, „aber das hat nicht geklappt. Nach drei Wochen war ich wieder dabei. Ich brauchte Geld.“ Erst Mimikry konnte helfen. „Dort habe ich zum ersten Mal Leute getroffen, die mich verstanden und akzeptiert haben, wie ich bin.“
Anna ist eine hübsche Frau mit seidigen schwarzen Haaren, großen Augen und einem spitzbübischen Lächeln. Ihren Freiern hat sie vorgelogen, sie sei 26, und man könnte ihr das glauben, so jung sieht sie aus. Sie lacht oft und wirkt lebenslustig. Aber hinter der Fassade steckt eine scheue, verunsicherte Frau, die Ruhe im Park sucht und auch in ihrer jetzigen Arbeit am liebsten allein unterwegs ist. 
Aus ihrer Zeit als Prostituierte erzählt sie ganz locker. „Das war der einzige Platz, wo ich mich sicher gefühlt habe“, sagt sie. Mit der Tätigkeit an sich hatte sie keine Probleme, manchmal brachten ihr die Männer sogar Geschenke mit. Das Bordell war die Welt, in der sie sich auskannte. Aber bei der Erinnerung an ihr Leben davor kommen ihr die Tränen.
Anna ist Polin, sie hat dort in der Schule Deutsch gelernt, Abitur gemacht und eine medizinische Ausbildung absolviert. Ihr Vater war Alkoholiker. „Er hat meinen Bruder und meine Mutter geschlagen. Ich war leise. Mich haben sie vergessen.“ Sie musste schon als Kind den Haushalt machen – und gleichzeitig Bestnoten nach Hause bringen. 
Mit 18 Jahren haute Anna von zu Hause ab, kehrte zurück, schaffte irgendwie die Schule. Sie wurde von ihrer Mutter betrogen, als sie sich in Polen eine Wohnung kaufen wollte. Seitdem hat sie Schulden. „Zu meiner Familie habe ich seit sieben Jahren keinen Kontakt mehr“, sagt Anna. Sie macht eine Pause. „Ich hatte im Rotlicht keine Kollegin, die davor ein problemloses Leben hatte.“
Anna ging nach Deutschland, sie brauchte Abstand. Aber ihre Ausbildung wurde hier nicht anerkannt. 
Und dann war da diese Stellenanzeige. „Anfängerin für erotische Massage gesucht, guter Verdienst, kein Sex“, las sie in einer Gratiszeitung. „Ich war naiv. Ich dachte: Das kann ich.“ Schnell stellte sie fest, dass sie beim Massieren zwar nackt sein und den Mann überall anfassen musste, aber nicht die versprochene Summe dafür bekam – die verdienten die Kolleginnen nebenan. Mit Sex. 
„Entweder macht man die Arbeit nur kurz, um viel Geld zu verdienen, oder man macht sie für immer“, sagt Anna. Sie wollte nur ihre Schulden abzahlen. Es wurden fast fünf Jahre daraus. Sie mietete ein Zimmer in einem Bordell, für 100 Euro pro Tag. „Ich habe viel Geld bekommen“, sagt sie. In guten Nächten hat sie die Monatsmiete für ihre Wohnung verdient. Aber die körperlichen und die psychischen Belastungen waren auf Dauer zu hoch; nicht jede Frau hält ihnen stand. Manche betäuben sich, um diese Arbeit machen zu können: Sie rauchen, trinken oder nehmen Drogen. Anna hat all dem widerstanden; ihr Ausgleich war das Essen. 
Aber Anna wollte raus: „Ich wollte kein Doppelleben mehr. Immer muss man lügen.“ Die Freier wissen nicht, wie sie wirklich heißt; die Leute draußen wissen nicht, was sie wirklich arbeitet. „Man fühlt sich nicht gut, wenn man in den Spiegel schaut und denkt, man hat den ganzen Tag noch kein wahres Wort gesagt.“ Sie fragte herum, wer helfen könnte. Aber niemand gab ihr einen Tipp. Irgendwann bekam sie eine Broschüre von Mimikry in die Hand.
Jede Woche geht ein Team der Beratungsstelle in Bordelle, Laufhäuser und Clubs, stellt sich vor und bietet Hilfe an. Das Münchner Rotlichtmilieu ist groß und die Frauen wechseln ständig. Deshalb verteilen die Helferinnen auch Broschüren mit dem Kontakt zu Mimikry, in zehn verschiedenen Sprachen. Denn derzeit stammen mehr als 80 Prozent der angetroffenen Prostituierten nicht aus Deutschland. 
Seit neun Monaten bekommt Anna Unterstützung von Michaela Fröhlich, der Leiterin von Mimikry, wo immer sie sie braucht. Vertrauensbildung stand ganz am Anfang der Beratung.Hilfe zur Selbsthilfe war der Ansatz. Und Anna musste wieder lernen, in der Früh aufzustehen und nachts zu schlafen. Sie musste sich daran gewöhnen, nur einmal im Monat Geld zu bekommen und nicht jeden Tag. Sie musste eine Lücke von fünf Jahren im Lebenslauf füllen, ohne zu lügen. Sie musste einen neuen Job finden – für viel weniger Geld. 
„Ich wollte nicht einfach irgendwas machen“, sagt Anna. Ihren jetzigen Job möchte sie nicht verraten, aber er ist perfekt für den Anfang. „Zuerst sollte ich im Lager arbeiten. Aber für jemanden, der vorher im Liegen gearbeitet hat, war das zu schwer“, sagt sie und lacht. 
Jetzt ist sie im Außendienst unterwegs, eigenverantwortlich, in Dienstkleidung – diesmal nicht, um aufzufallen, sondern um sich zu schützen. „Die Leute sehen nicht mich persönlich, sondern meine Funktion.“ Während andere Menschen das Außergewöhnliche suchen, sehnt sich Anna nach Normalität. „Jetzt kann ich sagen: ‚Mein Chef zahlt so wenig‘. Das ist so schön! Das klingt so normal!“
 
Susanne Hagenmaier
* Name von der Redaktion geändert
 
BU: Das Team von Mimikry berät Frauen, die sich prostituieren, ganz unkompliziert – auch an deren Arbeitsplatz
 
Foto: Christina Gottlöber

Mit Hilfe der Beratungsstelle Mimikry hat Anna wieder ins Leben zurückgefunden.


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