10.10.2012 - Eintauchen in eine Welt voller Farben

Ein dreibeiniger blauer Teufel auf rotem Hintergrund, eine Blumenwiese, komponiert aus wild hingeworfenen Farbpunkten, neonfarbene Wischer, die an eine brennende Prärie erinnern: Welche Stimmungen mögen wohl hinter diesen Kompositionen stecken? Welche Ängste, welche freudigen Gedanken haben die Frauen bewogen, die Bilder gerade so zu malen und nicht anders?

Entstanden sind die Bilder, die jetzt hier im Aufenthaltsraum der „Lebensplätze“ im Münchner Norden hängen, in der Malgruppe des „Dezentralen Stationären Wohnens“ des Evangelischen Beratungsdienstes. Seit fünf Jahren besteht diese Gruppe; anfangs traf man sich einmal pro Monat, jetzt wöchentlich. Diplom-Sozialpädagogin Stephanie Stocklauser, die sie derzeit leitet, ist von der Entwicklung in dieser Zeit begeistert: „Aus passivem Konsumieren ist aktives Gestalten geworden.“
Die Frauen seien von Mal zu Mal experimentierfreudiger geworden. Ging es beim ersten Bild noch darum, zu entscheiden, den ersten Strich auf die leere Leinwand zu setzen, so erweiterten die Teilnehmerinnen kontinuierlich ihr Repertoire. Stephanie Stocklauser: „Die Frauen sind in der Gruppe regelrecht aufgeblüht; je besser es einer ging, umso heller und freundlicher wurden die Farben.“
Freilich kam es nicht darauf an, „künstlerische Höhenflüge“ zu machen, sondern es ging darum, zu lernen, mit Ausdauer und Konzentration an einer Sache dranzubleiben und sie auch abzuschließen. Im gegenseitigen Kontakt habe man sich einander geholfen und erlebt, wie gut es einem tut, ein Bild für fertig zu erklären.
Insgesamt 17 Wohnplätze bietet das Dezentrale Stationäre Wohnen in fünf Wohngruppen in Giesing an; mit den Frauen, die hier untergekommen sind, hat es das Leben nicht so gut gemeint. „Sie waren wohnungslos und hatten darüber hinaus noch weitere soziale Schwierigkeiten“, erläutert Diplom-Sozialpädagogin Barbara Thoma, die die Einrichtung leitet. Aus pädagogischer Sicht läuft die Malgruppe unter dem Begriff „tagesstrukturierende Maßnahme“; daneben finden sich andere Angebote wie PC-Kurse, Bewerbungstrainings, eine Hauswirtschafts- und Kochgruppe sowie Entspannungsübungen und ein Deeskalationskurs. All das dient dazu, das Selbstwertgefühl der Klientinnen zu verbessern und ihre Sozialkompetenz zu stärken.
Sie seien oft resigniert und hätten sich „in ihrem depressiven Loch gar nichts mehr zugetraut“, beschreibt Barbara Thoma die Situation der Bewohnerinnen. Die Malgruppe hätten sie „als Zeit außerhalb ihrer Problemlagen erlebt, in der sie einfach etwas Schönes machen können“. Ganz nebenbei könne man in der lockeren Atmosphäre dann einmal etwas ansprechen, was sonst nicht so gut geht. „Das Malen löst viel.“
In den letzten drei Monaten vor der Ausstellungseröffnung stand dann noch einmal etwas Neues auf dem Programm der Gruppe: Die Künstlerin Andrea Lesjak animierte die Frauen zu „Intuitivem Malen“. Mit selbst angerührten Pigmentfarben entstanden spontane Bilder, bei denen sie innere Bilder und Gefühle aufs Papier brachten. Spielerische und surrealistische Methoden der Bildfindung brachte ihnen Lesjak bei; entstanden sind dabei Bilder, die zeigen, welch schöpferisches Potential da mitunter verborgen ist. „Mit dem Pinsel haben die Frauen Themen entdeckt, die ihnen bislang neu waren“, sagt die Künstlerin.
Die 43-jährige Birgit Friedrich, die in der Gruppe dabei war, drückt es so aus: „Malen bedeutet für mich, dass ich den Alltag vergessen kann und in eine Welt voller Farben eintauche.“ Und Sigrid Simon* aus der Holledau hat mit 62 Jahren noch Feuer gefangen: „Mich hat das Mal-Virus erwischt“, sagt sie und erinnert sich noch genau an den Tag, an dem das war: der 29. März 2011.
18 Bilder in zwei Monaten hat sie gemalt, auch außerhalb der Gruppe. In ihrem Zimmer, das sie im April dieses Jahres in den Lebensplätzen bezogen hat, kann sie sich jetzt regelrecht austoben. „Malen ist für mich wie ein Gebet.“
Klaus Honigschnabel
* Name von der Redaktion geändert
Foto: Kurt Bauer

Die Malgruppe im Dezentralen Stationären Wohnen verändert die Frauen, die mitmachen.


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