10.07.2013 - Wie ein altes Ehepaar

Werner-Hans Müller und Gerhard Hintermaier arbeiteten als Ein-Euro-Kräfte und haben jetzt einen festen Vertrag.„Do bin i dem Tod grad no von der Schippe g‘sprunga“, sagt Gerhard Hintermaier, wenn er sich an die Zeit vor acht Jahren erinnert. Damals hatte er starken Husten, der nicht aufhören wollte. Er tat sich beim Atmen schwer; bis auf 50 Kilo ist er abgemagert. „Die Theresia von der Teestube hat mi damals g‘rettet“, erzählt er. Die Streetworkerin hat er in Haidhausen im Park kennengelernt, wo er sich mit seinen Kumpels regelmäßig getroffen hat. 

 
Damals war er länger arbeitslos, „das Geld wurde immer weniger“, er hatte keine Krankenversicherung mehr, wollte deshalb wegen seines Hustens nicht zum Arzt gehen. Doch Theresia hat darauf bestanden. Der Arzt schickte ihn direkt ins Krankenhaus. Die Diagnose: Offene Tuberkulose. Sechs Monate lang Klinik. 10 Tabletten am Tag. 30 Prozent der Lunge kaputt. 
 
Als er aus der Klinik kam, war seine Wohnung weg. Wieder waren Theresia und ihre Kollegen von der Teestube „komm“ für ihn da: Er hat einen Platz in den Betreuten Wohngemeinschaften bekommen. Die Betreuer merken, dass er seine Wohnung gut in Schuss hält und zudem handwerklich geschickt ist. Da boten sie ihm irgendwann einen Ein-Euro-Job in der Teestube an.
 
Maler hat Gerhard Hintermaier gelernt, „des war i mei ganzes Leben lang“. Doch den Beruf darf er jetzt nicht mehr ausüben, wegen der Farbdämpfe: „Des daschnauf i gar nimmer.“ Zusammen mit Werner-Hans Müller arbeitet er seit Mai 2010 in der Teestube, „Männer für alles“ sind sie dort: Wenn ein Siphon verstopft ist, eine Garderobe montiert oder Schränke zusammengebaut werden müssen, sind sie da. Sie machen Botengänge und Besorgungen, im Winter haben sie im Kälteschutzraum geholfen. Und wenn kleinere Renovierungsarbeiten anstehen, dann ist Gerhard Hintermaier als Profi im Einsatz. „Was ich kann, das mache ich“, sagt der 57-Jährige. „Des Guade is die Abwechslung.“
 
„Hier habe ich alles, was ich will“, sagt sein Kollege Werner-Hans Müller über seinen Job in der Teestube. „Auch wenn ich mal den Arm in die Scheiße stecken muss, davor ekle ich mich nicht, den richtigen Ekel habe ich auf der Straße gesehen.“ Viel rumgekommen ist der 54-Jährige in seinem Leben: Im Ruhrpott wurde er geboren, lange hat er in Stuttgart bei der US-Army als Bauhelfer gearbeitet, nach dem Mauerfall ist er nach Berlin gezogen. 
 
Als seine Frau an Krebs starb, da „hat es mir die Füße weggezogen“. Er landete auf der Straße: acht Jahre lang Saufen und Drogen. Irgendwann war er am Nullpunkt angelangt: „Ich wollte mich wegmachen.“ In der Bahnhofsmission in München hat er damals Hilfe gefunden, hat innerhalb von wenigen Stunden einen Entgiftungsplatz bekommen.
 
Seit elf Jahren ist Werner-Hans Müller clean – „und freut sich „über jeden Tag, den ich trocken bin“. In seinem Leben ging es wieder aufwärts: Er verkaufte die Biss, arbeitete im Kloster und dann in einer Beschäftigungsmaßnahme bei Dynamo Fahrradservice, baute aus alten Teilen neue Fahrräder zusammen, „am liebsten Oldtimer“. Doch nach fünf Jahren war die Maßnahme vorbei: „Peng, dann steht man wieder da.“ Er hat sich die Gelben Seiten geschnappt und sich „von A bis Z beworben“. Hauptsache Arbeit. Bei der Teestube ist er zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Nach zwei Stunden kam der Anruf, dass er anfangen kann. 
 
Seit drei Jahren sind Werner-Hans Müller und Gerhard Hintermaier jetzt bei der Teestube – und ein eingespieltes Team: „Wie ein altes Ehepaar“, lacht Werner-Hans Müller. „Kein einziger Fehltag, kein Anschiss bisher“, resümiert Gerhard Hintermaier stolz. Ihren Einsatz haben die Chefs honoriert: Seit einem Jahr haben die beiden einen Arbeitsvertrag beim Evangelischen Hilfswerk. „Es ist schön zu sehen, wie Menschen sich entwickeln, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt“, sagt Franz Herzog, Leiter der Teestube „komm“. Trotz Zuschüssen der öffentlichen Hand war die Anstellung bei der Teestube nur Dank einer überaus großzügigen Spende des Lions Club München Multinational möglich.
 
Die Chefs sind mit Gerhard Hintermaier und Werner-Hans Müller zufrieden und die beiden mit ihren Chefs: „Man kann mit denen reden und sie helfen, wenn es mal klemmt.“ Wenn sie einen Brief vom Amt mal nicht verstehen oder wenn es Probleme mit Anträgen gibt. „Man hat den Rücken frei“, sagt Müller. Und sein Kollege Hintermaier wünscht sich: „I war zufrieden, wenn i bis zur Rente in der Teestube bleiben kannt.“
 
Isabel Hartmann
Foto: Isabel Hartmann

Werner-Hans Müller und Gerhard Hintermaier arbeiteten als Ein-Euro-Kräfte und haben jetzt einen festen Vertrag.


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