10.04.2012 - Geduldige Supertruppe

Was ihr die nächtliche Tour Anfang Februar zu den Obdachlosen bei zwanzig Grad unter Null gebracht hat? Brigitte Meier lacht ins Telefon: „14 Tage Husten und Schnupfen – aber das war es mir wert.“ Dabei hatte sich die Sozialreferentin eigens für diesen Rundgang mit den Streetworkern vorbereitet: gefütterte Reitstiefel, Skiunterwäsche, zwei Paar Socken, einen dicken Schal und eine warme Mütze.

Nach gut dreistündiger Tour von der Paul-Heyse-Unterführung über die TU-Mensa zum Maximiliansplatz gab es zum Abschluss in der Bahnhofsmission eine Tasse heißen Tee. Seitdem hat die 47-Jährige den größten Respekt vor der Arbeit der Streetworker des Evangelischen Hilfswerks: „Eine Supertruppe! Die machen das mit einer Engelsgeduld jeden Tag und bei jedem Wetter – echt beeindruckend.“
Auch inhaltlich hat sich bei ihr durch die Tour zu den Schlafplätzen der Obdachlosen einiges geklärt. „Wir müssen uns schleunigst Gedanken machen über die Verelendung und Verwahrlosung der Menschen aus Osteuropa, die hier bei uns auf der Straße leben.“ Bislang kämen die in dem klassischen und seit Jahren eingespielten Betreuungssystem der Münchner Obdachlosenhilfe nicht vor. Um dieses Problem zu lösen, will die Sozialreferentin demnächst einen Runden Tisch einberufen, zu dem sie alle betroffenen Hilfeeinrichtungen einladen will.
Und ganz generell sei es nötig, dass sich die Stadt Gedanken machen muss, wie sie gegen die Ausbeutung der osteuropäischen Arbeitskräfte vorgehen kann. „3,50 Euro ist ein sittenwidriger Hungerlohn; so was ist gegen die Menschenwürde.“ Das städtische Wirtschaftsreferat sei deshalb gefordert, eine Rechtsberatungsstelle einzurichten. 
Für die Sozialpädagogen Ellen Mayrhofer und Uwe Stoye, beide seit Jahren für die Teestube „komm“–Streetwork in der Betreuung von Obdachlosen tätig, war der Abend mit der prominenten Begleitung erst mal nichts Besonderes – auch wenn sie sonst nur zu zweit ihre Tour gehen. „Wir haben unseren ganz normalen Job gemacht“, sagt Ellen Mayrhofer. Und Uwe Stoye ergänzt: „Hin und wieder hab ich so nen doppelten Druck gespürt, denn zu der Angst um die Klienten kam jetzt noch die Beobachtung von außen.“ Insgesamt kriegt auch die Sozialreferentin von beiden ein dickes Lob.
Ganz hautnah habe die Sozialreferentin an diesem Abend „das normale Programm“ mitgekriegt, sagt Ellen Mayrhofer: den etwa 70-jährigen Mann, der schon seit zweieinhalb Jahren neben einer Litfaßsäule unter einer Bauplane Platte macht, die Gruppe polnischer Arbeiter in der Fußgängerunterführung auf Kartons sowie den älteren Herrn, der am Maximiliansplatz nur mit einer Plastikfolie als Unterlage auf dem Betonboden übernachten wollte. Gemeinsam haben sie ihn zur Bahnhofsmission gebracht und ihm dort eine Notunterkunft für eine Nacht besorgt.
Freuen würden sich die beiden Streetworker  übrigens, wenn sich Politiker auch unter dem Jahr – und nicht nur bei extremer Kälte –  für ihre Arbeit interessieren würden. Und wenn sie ihre Arbeit auch künftig ungeschmälert fortsetzen könnten. Denn durch die vom Stadtrat beschlossene stadtweite Ausgabendeckelung würden aufgrund von Lohn- und Kostensteigerungen in den kommenden drei Jahren bei ihnen anderthalb Stellen wegfallen.
Dafür, dass das nicht passiert, will sich Brigitte Meier nun stark machen: „Dieser Dienst ist systemrelevant für die Versorgung von Obdachlosen in unserer Stadt; da darf nichts gekürzt werden.“ Sie unterstütze deshalb die Forderung der Teestube, die Deckelung hier konkret zu öffnen. Und generell müsse „sich der Stadtrat positionieren, wie er im Zuschussbereich künftig mit den Kostensteigerungen und Tariferhöhungen umgehen will“.


Klaus Honigschnabel


BU: Nächtliche Tour bei eisigen Temperaturen zu den Obdachlosen in München: Stadträtin Brigitte Meier (Mitte) mit Streetworkern Uwe Stoye und Ellen Mayrhofer. Foto: David Herting

Sozialreferentin begleitet Streetworker der Teestube.


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