10.02.2012 - Seismograph für Veränderungen

Niederschwellige Angebote sind das Herzstück jeder guten Sozialarbeit. Das „Stadtteilbüro Neuperlach“ des Evangelischen Hilfswerks München mit Treffpunkt und Sozialberatung ist ein gutes Beispiel dafür. Das Sozialzentrum wirkt schon von außen durch seine langgezogenen, raumhohen Fensterreihen einladend. Hilfebedürftige und andere Gäste müssen keine Stufe steigen – weder hoch noch runter – wenn sie die Einrichtung, die nun schon 25 Jahre besteht, aufsuchen wollen. Und als Willkommen empfängt sie ein großer, gemütlich gestalteter Raum. Dort treffen sich Eltern-Kind-Gruppen, Migranten, Senioren, die einmal pro Woche einen beliebten Mittagstisch besuchen, und andere.

Auch die Ratsuchenden gehen durch diesen Raum und können einen schnellen Blick auf die lebendige Atmosphäre des Gemeinschaftslebens im Treffpunkt werfen, bevor sie die Tür zu einem Beratungszimmer aufmachen. Nichts erinnert hier an Büro oder Verwaltung. Man fühlt sich von Anfang an willkommen. Die Einrichtung profitiert auch davon, dass sie Teil ist eines kleinen Marktplatzes, dem Sudermannzentrum in Münchens größtem Stadtteil Neuperlach.
Die „Trabantenstadt Neuperlach“, wie sie einst genannt wurde, löst unterschiedliche Assoziationen bei den Münchner Bürgern aus. Wohnsilos, hoher Migrantenanteil, sozialer Brennpunkt kommen schnell in den Sinn. Wer allerdings schon einmal dort im Südosten der Landeshauptstadt war, nimmt andere Eindrücke mit. Geradezu parkähnlichen Charakter hat der Stadtteil, der als das größte westdeutsche Siedlungsprojekt nach dem Kriege gilt. Damals baute man mit Stolz hoch, Straßen wurden autogerecht und mehrspurig durch das Viertel gezogen. Aber das ist jetzt alles eingegrünt, und weil es kaum Einfamilienhäuser in dem Stadtviertel mit seinen gut 80.000 Einwohnern gibt, gibt es auch keine Zäune zwischen den Wohnbauten. Als Spaziergänger kann man gehen, wo man will.
„Wer hier wohnt, der will kaum weg“, sagt die Leiterin des Stadtteilbüros, Christine Maier. Die Menschen hier schätzen kurze Wege zu Schulen, Geschäften, Ärzten und anderen Dienstleistern, dazu kurze Wege aus der Stadt hinaus in das oberbayerische Voralpenland – und eine vorbildliche Gemeinwesenarbeit von Kirchen, Stadt und anderen Trägern.
Christine Maier verschweigt aber auch nicht die Probleme des Stadtviertels. Wenn Wohnungen frei werden, ziehen hauptsächlich Migranten nach. Sie gliedern sich nur langsam und oft nur mit sozialen Hilfen ein. Die ursprünglichen Bewohner sind zumeist im Rentenalter. An den Mitgliederzahlen der Kirchen im Stadtteil ist das abzulesen. Die evangelische Lätare-Gemeinde beispielsweise hatte einst 9.000 Mitglieder; heute sind es nur noch 6.000. Waren einst vier Pfarrer dort tätig, versehen heute nur noch zwei ihren Seelsorgedienst.
Umso wichtiger ist es, dass kirchliche Anlaufstationen außerhalb der Kirchengebäude die Menschen einladen, beraten, wo es nötig ist, und sie eventuell für ein ehrenamtliches Engagement gewinnen. Stolz berichtet Christine Maier, dass in ihrer Einrichtung 62 Ehrenamtliche mitwirken. „Das bedeutet allerdings auch, dass dieses große Potenzial von einer ausreichenden Zahl von Hauptamtlichen begleitet und geführt werden muss.“ Im Stadtteilbüro arbeiten Diplom-Sozialpädagoginnen, eine Verwaltungskraft und eine Raumpflegerin. „Wir kommen bei unseren vielfältigen Aufgaben und Anforderungen geradeso rum“, sagt Christine Maier. Das Evangelische Hilfswerk München, die Landeskirche und die Stadt München fördern die Einrichtung.
Die Bezeichnung „Stadtteilbüro“ ist ein eigentlich irreführend, denn ein „Büro“ ist die Einrichtung nun gar nicht. Die Arbeit besteht aus drei Teilen: Da ist zum einen die Stadtteilarbeit mit ihrer Vernetzung zu anderen Einrichtungen, um die Lebenssituation der Bewohner zu verbessern. Dann die Sozialberatung, die den Bürgern in Neuperlach bei wirtschaftlichen Notlagen unter die Arme greift, Kontakte mit Ämtern herstellt oder bei Problemen mit Behörden, Gläubigern, in krisenhaften Veränderungen der Lebenssituation wie Arbeitslosigkeit, Trennung oder Scheidung und anderen Notsituationen hilft. 
Eine Rechtsambulanz nach dem Prinzip des „Einspruch e.V.“ wurde aufgebaut. Gute Kontakte bestehen überdies zu den Kirchengemeinden, den Schulen und Kindergärten, dem Hospizverein, dem Sozialbürgerhaus, dem Bezirksausschuss und dem Verein „Tatendrang“.
Neben diesen beiden Bereichen gibt es den Treffpunkt als „Spielbein“: Gruppen und Kurse laden ein, Feste, Basare, Flohmärkte locken neue Interessenten, aus denen sich auch die Schar der Ehrenamtlichen vergrößert. Gesellige Treffs und Ausflüge gehören zum Programm. 
Die Arbeit des Stadtteilbüros ist auch ein Seismograph für soziale Veränderungen und neue soziale Aufgaben im Stadtviertel, der auch von der Kommune beachtet wird. Besonders streicht Christine Maier die gute Zusammenarbeit ihrer diakonischen Einrichtung mit der Lätare-Kirchengemeinde heraus. „Gute persönliche Kontakte der Mitarbeitenden beider Stellen ermöglichen einen kraftvollen Einsatz“, sagt sie. Und Kraft brauchen alle hier viel in Neuperlach.
Eine wichtige Rolle spielt auch die Münchner Tafel im Stadtteil, die auf dem Gelände der Lätarekirche ihre Stände aufbaut. Eingefädelt hat das vor Jahren – natürlich – das Stadtteilbüro. Und wenn Christine Maier einen Wunsch frei hätte, dann würde sie sich eine Kleiderkammer für den Stadtteil wünschen. Gute Sozial- und Beratungsarbeit erfordert immer wieder Phantasie und Geduld beim Überwinden von Hindernissen. Christine Maier hat dafür nach langen Jahren ihrer Arbeit hier im Stadtteil einen Mutmach-Satz parat: „Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“.

Heinz Brockert
 

Das Stadtteilbüro Neuperlach des Evangelischen Hilfswerks setzt soziale Standards.


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