08.02.2012 - Unheimlich viele Schattierungen

Fritz Kalisch geht langsam durch die Teestube „komm“, sein Blick schweift aufmerksam durch den Raum. „Hallo, hast Du heute die Biss verkauft?“, fragt er einen Mann, der mit einem Tee am Tresen sitzt. Einen anderen begrüßt er mit Handschlag: „Wie geht es? Was macht die Arbeitssuche?“

Fritz Kalisch kennt fast alle Besucher der Teestube „komm“, seit mehr als 20 Jahren arbeitet er als Ehrenamtlicher in der Einrichtung für Obdachlose. Die Besucher erhalten hier in der Zenettistraße sozialpädagogische Beratung, sie können Wäsche waschen, duschen, kochen, einen Tee oder Kaffee trinken. Oder sich einfach nur aufwärmen und fernsehen.

Immer am Donnerstag ist „der Fritz“, wie ihn die meisten hier nennen, da. Seit 1988. Da war er um die Fünfzig, Teamleiter bei einer internationalen Firma. „Du bist gesund, Dir geht es gut, beruflich ist alles in bester Ordnung“, hat er sich gedacht. „Da hättest Du einen Tag in der Woche Zeit, ein bisschen was zu machen.“ In einem Zeitungsartikel hat er über die Teestube gelesen und sich dort vorgestellt.

Ohne Vorurteile wollte er den Besuchern entgegentreten, sich selber ein Bild von ihnen machen. Am Anfang hat er geholfen, Kaffee und Tee auszugeben. „Der Tresen war erstmal schon so etwas wie ein Schutzwall“, erinnert er sich und lacht. Langsam hat er sich immer weiter vorgewagt, ist mit immer mehr Besuchern ins Gespräch gekommen.

„Zeit haben“, beschreibt Fritz Kalisch seine Aufgabe in der Teestube „komm“. Zeit zum Kartenspielen, zum Zuhören, zum Reden. Die Devise dabei: Alles ist freiwillig. „Wenn jemand nicht reden möchte, ist das vollkommen okay.“, sagt er. Über Politik, Wirtschaft, Philosophie und klassische Musik diskutiert er mit den Besuchern in der Teestube – „manchmal ganz schön heftig“. Nach ihrer Vergangenheit fragt er nie. Die erfährt er manchmal erst nach Jahren, manchmal gar nicht.

Unheimlich viele Schattierungen hat er bei diesen Gesprächen kennen gelernt, sagt Fritz Kalisch – und gesehen, wie kurz der Weg von einem geordneten Leben auf die Straße sein kann: „Da ist die Frau weg, dann der Job, man kämpft eine Weile und stürzt dann ab, da ist schnell ein ganzes Leben zusammengebrochen.“

Einige steckten so tief in ihrem Schicksal, dass sie den Weg heraus nicht finden; andere möchten ihre Freiheit auf der Platte nicht für ein geordnetes Leben aufgeben. „Bei manchen spüre ich im Gespräch: Da ist was“, erzählt er. „Da versuche ich rauszufinden, ob und wie wir helfen können.“ Wenn sich herausstellt, dass jemand Hilfe braucht, dann gibt er das an die Sozialpädagogen weiter, die in der Teestube arbeiten.

So wie bei Georg*. Den kennt Fritz Kalisch schon aus seiner Anfangszeit in der Teestube. Viele Jahre war der Mann mit dem grauen Vollbart unterwegs, erst auf See, dann auf der Walz in ganz Deutschland; im Winter hat er in einer Höhle an der Isar übernachtet. Seine Devise: „Wenn ich Geld brauche, muss ich dafür arbeiten.“ Mit Gelegenheitsjobs – mal auf dem Bau, mal in einem Klostergarten – hat er sich durchgeschlagen.

Mittlerweile ist Georg um die 70, spürt das Alter, die Hilfsjobs werden weniger. Deshalb hat ihm Fritz Kalisch immer wieder zugeredet, dass er Rente beantragen sollte: „Er hat in seinem Leben nie staatliche Hilfe in Anspruch genommen und er hat durch seine Jobs Anspruch auf Rente.“ Im vergangenen Herbst hat sich Georg dann entschieden, Rente zu beantragen. Das Teestuben-Team hat ihm geholfen, ein Konto zu eröffnen und den Antrag auszufüllen. „Sein Ausweis war schon 30 Jahre abgelaufen“, erzählt Fritz Kalisch und lacht.

„Wenn Dir jemand hier leid tut, dann musst Du aufhören“, hat sich Fritz Kalisch vor mehr als 20 Jahren fest vorgenommen. Mittlerweile ist er schon in Rente, ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. Denn: „An manchen Tagen geht es mir saugut, wenn ich hier um fünf Uhr rausgehe“, sagt er. Wenn das Team jemanden aus dem Schlamassel rausgeboxt hat, wenn jemand die Schlüssel für eine eigene Wohnung bekommen oder jemand Arbeit gefunden hat. Oder einfach nur, wenn er gute Gespräche geführt hat. 

*Name von der Redaktion geändert
Isabel Hartmann

Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Fritz Kalisch in der Teestube "komm".


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