07.12.2010 - Leben nach dem Knast

Freiheit – und wohin jetzt? Vor dieser Frage stehen viele Haftentlassene. Einige gehen zurück zu ihren alten Bekannten, landen in Billighotels oder direkt auf der Straße. Viele haben es schwer, mit ihren sozialen Problemen zurechtzukommen. Das haben die Mitarbeiter der Teestube „komm“ bei ihrer Arbeit immer wieder erlebt. Und deshalb gibt es jetzt das Projekt „Wohnen für junge Haftentlassene“.

Wichtig ist es, dass ihnen frühzeitig geholfen wird, bevor sich Obdachlosigkeit und die damit verbundenen sozialen Probleme manifestieren, sagt Anton Auer, Leiter des Bereichs Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe Männer beim Evangelischen Hilfswerk München. Damit werde nicht nur den Betroffenen geholfen, sondern auch dem Sozialstaat. „Frühzeitige Hilfe ist immer billiger als die Folgekosten, die lange Obdachlosigkeit erzeugen.“

Das Projekt wendet sich an Männer zwischen 21 und 27 Jahren; viele von ihnen haben mehrere Jahre im Gefängnis gesessen: „Das ist eine lange Zeitspanne und ihnen fehlen nach der Haft wichtige Erfahrungen fürs Leben“, sagt Christoph Rabas, einer der drei Sozialpädagogen aus dem Betreuungsteam. „Umso mehr Hilfe und Unterstützung brauchen sie, um selbstständig zu werden.“

 

Beides soll ihnen das Projekt geben, das in München bislang einzigartig ist. Dementsprechend groß ist deshalb auch die Nachfrage: Um einen der zwölf Platz zu bekommen, müssen die jungen Männer eine Bewerbung schreiben, mit Lebenslauf und Motivationsschreiben. „Wir müssen erkennen, dass die Bewerber jetzt Ziele für ihr Leben haben“, sagt Rabas.

 

So wie Christian*: 15 Monate saß er im Knast; wegen guter Führung ist er vorzeitig entlassen worden. „Keine Drogen, keine Straftaten mehr“, hat sich der 25-Jährige vorgenommen. „Ich habe genügend Zeit verschwendet; jetzt habe ich aus den Konsequenzen gelernt“. Jetzt hat er sich für eine Ausbildung als Lagerfacharbeiter beworben. Den Kontakt zu seinen alten Freunden hat er abgebrochen: „Im Knast siehst Du, wer Dein Freund ist und wer nicht“. Seine Mutter, seinen Bruder und seine Freundin sieht Christian regelmäßig.

 

Ein Jahr hat er jetzt Zeit, um seinen Zielen näher zu kommen. Solange gilt der Nutzungsvertrag für die Wohnung – die Betreuung durch Christoph Rabas gehört dazu. Wenn alles gut geht, wird Christian anschließend Hauptmieter; wenn es nötig ist, kann die sozialpädagogische Betreuung um ein weiteres Jahr verlängert werden. 21 Quadratmeter, ein Zimmer mit Kochnische, Bad und Balkon – das ist Christians Wohnung. An die Fenster hat er lila Gardinen gehängt, in den Ecken stehen große Lautsprecherboxen, auf dem Glastisch stapeln sich Behördenbriefe. Denn der Weg in die Freiheit fängt mit jeder Menge Papierkram an: Die Anmeldebestätigung hat Christian schon besorgt, jetzt möchte das Arbeitsamt noch mehr Unterlagen von ihm und dann braucht er auch noch eine neue Bankkarte.

 

Fünfeinhalb Stunden in der Woche unterstützt ihn Christoph Rabas: Er begleitet ihn zu Behörden, hilft beim Ausfüllen der vielen Formulare und der Arbeitssuche. Und wenn ein wichtiger Termin ansteht, dann kommt er auch schon mal vorbei, um Christian zu wecken. In der Regel macht Rabas ohnehin mindestens einen Hausbesuch pro Wochen. Dann hört er einfach zu, wie das Leben in der Freiheit verläuft, schaut, ob mit der Wohnung alles in Ordnung ist und steht ihm in Krisen bei: „Denn manchmal schlägt nach einer Weile die Sehnsucht nach dem Knast zu“, weiß er aus seiner Arbeit als Streetworker.

 

Die Zukunft von Christian sieht sein Betreuer positiv: „Ich bin mir sicher, dass er seinen Weg findet.“ Und Christian schmiedet schon langfristige Pläne: Wenn alles gut läuft, will er mit seiner Freundin eine Familie gründen.

*Name von der Redaktion geändert

Isabel Hartmann

 

 

Junge Haftentlassene bekommen jetzt ein spezielles Förderprogramm der Teestube „komm“


zurück